„Fluchtkrisen passieren immer wieder“

Flüchtlingskrisen wie 2015 sind „für Österreich nichts Neues“, sagt Historikerin Rita Garstenauer. Im einem neuen Sammelband analysiert sie historische Fluchtbewegungen und kommt zum Fazit: Es gibt Parallelen zur Gegenwart.

Spätsommer 2015: Tausende Menschen flüchten nach Europa, auch in Niederösterreich wird die Flüchtlingskrise rasch zum Thema. Die Situation ist für viele eine Herausforderung, doch etwas noch nie Dagewesenes ist es nicht, sagt Rita Garstenauer vom Zentrum für Migrationsforschung in St. Pölten.

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„Radioclub“, 6.3.2018

Gemeinsam mit Börries Kuzmany hat sie nun den Sammelband „Aufnahmeland Österreich“ herausgegeben. Zwölf Autorinnen und Autoren widmen sich darin Flüchtlingskrisen der vergangenen 300 Jahre. noe.ORF.at hat mit der Herausgeberin über den Umgang mit Flucht und Geschichte als Leitfaden für die Gegenwart gesprochen.

Erstaufnahmezentrum Traiskirchen Ende August 2015
APA/Hans Klaus Techt
Erstaufnahmezentrum Traiskirchen 2015

noe.ORF.at: Frau Garstenauer, Sie sagen, Flüchtlingskrisen wie 2015 seien kein Phänomen der heutigen Zeit. Warum?

Rita Garstenauer: Fluchtkrisen, Flüchtlingskrisen passieren immer wieder, sie sind auch in Österreich immer wieder passiert und man ist auf die eine oder andere Weise damit umgegangen. Historisch betrachtet sind Flüchtlingskrisen überhaupt nichts Neues.

noe.ORF.at: Auf welche historischen Ereignisse beziehen Sie sich in „Aufnahmeland Österreich“ zum Beispiel?

Garstenauer: Ein relativ nahes Beispiel ist die Ungarnkrise 1956, da gibt es wirklich starke Parallelen zu Ereignissen der Gegenwart. Damals kamen relativ viele Menschen, an den Grenzen fanden sich sehr rasch private Helfer ein. Auch internationale Organisationen, das Rote Kreuz oder das Bundesheer, waren engagiert. Als weiteres Beispiel wären die Geschehnisse in der Grenzstadt Brody zu nennen. Die liegt zwar heute in Polen, war aber damals Teil des österreichischen Galiziens und lag an der Grenze zum russischen Zarenreich. Es gab damals eine große Fluchtbewegung von Juden vor Pogromen.

noe.ORF.at: Wie ging man damals damit um?

Garstenauer: Die Behörden mussten realisieren: Da passiert jetzt was, das außerhalb des Normalen ist. Man fragte sich: Wie gehen wir damit um? Wie regelt man das? Was passiert denn da jetzt im Nachbarland eigentlich? Soll man das akzeptieren oder nicht? Im Fall der jüdischen Pogromflüchtlinge gab es auch eine starke Hilfsbereitschaft und eine sehr positive, öffentliche Diskussion in den Medien.

Heimatvertriebene Melk
Zentrum für Migrationsforschung/Sammlung Heimatstube Neubistritz
Heimatvertriebene in Melk

noe.ORF.at: Welche Aspekte der Flucht sind heute gleich wie damals?

Garstenauer: Das eine ist die humanitäre Hilfe in einer Notlage: Wenn wirklich Leute dastehen und was zu trinken, zu essen, einen Schlafplatz oder sanitäre Versorgung brauchen. Ein weiterer Aspekt ist der politische Schutz. Das heißt, dass das Recht, wo zu existieren, zu wirtschaften, zu wohnen, zu arbeiten, zu handeln, durch eine staatliche Institution geschützt wird. Das fällt im Fall einer Flucht nämlich weg.

Rita Garstenauer, Herausgeberin des Sammelbandes "Aufnahmeland Österreich"
Zentrum für Migrationsforschung/Wolfgang Kunerth
Rita Garstenauer vom Zentrum für Migrationsforschung

Das internationale Flüchtlingsrecht ist dafür geschaffen, Leuten so einen Status wiederzugeben. Wenn man so einen Status nicht hat, kann man eine ganze Menge Dinge, die im Bereich der Integration angedacht sind, nicht machen, weil man keine Planungsperspektive hat. Wie lang ist man jetzt wirklich da? Wie lang kann man wirklich dableiben? Kann man ein Geschäft eröffnen oder zahlt es sich nicht aus, weil man nach einem halben Jahr wieder zusperren muss? Politischen Schutz können Helfer aus der Zivilgesellschaft und aus den NGOs in der Regel nicht anbieten. Das müssen Staaten tun.

Dann stellt sich die Frage, wo sich die Person wieder als bürgerliches Objekt etablieren kann. In einem neuen Ort oder vielleicht am Ursprungsort? Wie kann so eine Person wieder voll Teil einer Gesellschaft werden und für das eigene Fortkommen sorgen? Diese Aspekte sind überzeitlich und historisch konstant. Das gilt auch für die Fälle des 19. Jahrhunderts und war im Prinzip in der Nachkriegsphase des Dreißigjährigen Kriegs genauso. Schon der Westfälische Friede hat derartige Themen geregelt.<<

noe.ORF.at: Und trotzdem überwog 2015 bei einigen das Gefühl, es geschehe etwas noch nie Dagewesenes.

Garstenauer: Ja, und das hat mit dem persönlichen Erleben zu tun. Ich habe viele ältere Menschen getroffen, die gesagt haben, „hallo, warum regen sich alle so auf?“. Es war 1945, da hatten wir wirklich Massen von Flüchtlingen, Vertriebenen, displaced persons, da gab es ein Verhältnis von sechs Millionen Ansässigen zu eineinhalb Millionen Flüchtlingen. Solche Stimmen hat man von Leuten gehört, die 1945 schon alt genug waren, um die damalige Flüchtlingssituation mitzubekommen.

Wenn man aber danach geboren ist und so etwas zum ersten Mal erlebt, dann ist das eben was Neues, das ist so bei menschlichem Erfahren. Außerdem: Jede Flüchtlingskrise ist eine sehr belastende Situation, selbstverständlich für die Geflüchteten, aber auch für die Leute, die sich engagieren. Es emotionalisiert natürlich enorm und in so einer Situation setzt man sich dann nicht hin und überlegt sich: Gab’s das nicht schon einmal? <<

noe.ORF.at: Ist der Umgang der Bevölkerung mit den Geflüchteten heute anders als in der Vergangenheit?

Garstenauer: Im Fall der vorhin angesprochenen Fluchtkrise durch die Pogrome in Russland in den 1880er Jahren flüchteten Menschen nach Frankreich, Großbritannien, auch in die USA. Wenn man sich dazu die Dokumentation im britischen Parlament und die Presseaufarbeitung anschaut, dann sieht man, dass es da eine Polarisierung der Bevölkerung gab - ganz ähnlich wie heute.

Das zu beziffern ist schwer, aber man hat den Eindruck, es ist etwa 50/50 zwischen jenen Leuten, die Hilfestellung ins Zentrum setzen, und jenen, die Ablehnung und Abgrenzung favorisieren. Das kann man als relativ konstantes Muster benennen. Auch im Ersten Weltkrieg und in der Zwischenkriegszeit gab es Akteure, die Hilfe anboten und dranblieben – auch, wenn die Stimmung zu kippen schien. <<

noe.ORF.at: Können historische Ereignisse bei gegenwärtigen Herausforderungen ein Leitfaden sein?

Garstenauer: Unter meinen Kolleginnen und Kollegen stellt sich immer die Frage: Ist die Geschichte die Lehrmeisterin der Nation oder nicht? Die einen sagen ja, die anderen sagen nein. Ich sage: Natürlich kann man aus der Geschichte lernen, man muss sich nur die Mühe machen, darüber nachzudenken. Denn jede historische Situation ist einzigartig und nie mit der Gegenwart vergleichbar. Aber bestimmte Aspekte sind vergleichbar. Manche Szenarien hat es in der Vergangenheit schon gegeben und zwar in einer vergleichbaren Vergangenheit.

Flüchtlinge 1882 nach ihrer Ankunft in Liverpool
Zentrum für Migrationsoforschung/Wikimedia Commons
1882: Flüchtlinge nach ihrer Ankunft in Liverpool

noe.ORF.at: Was unterscheidet gegenwärtige Fluchtbewegungen von früheren?

Garstenauer: Was Europa betrifft, ist heute speziell, dass Flüchtlinge über weite Distanzen gekommen sind. Nach Österreich kamen früher oft Menschen aus Nachbarländern wie etwa Ungarn.

noe.ORF.at: Macht das im Umgang der Bevölkerung mit den Geflüchteten einen Unterschied?

Garstenauer: Dessen bin ich mir gar nicht so sicher. Flüchtlingsschicksal macht Leute extrem fremd, selbst wenn die Geflüchteten aus einem Nachbarland stammen oder gar dieselbe Sprache sprechen. Kulturelle Differenzen sind eine Herausforderung, aber im Zusammenhang mit dem Ablehnen von Flüchtlingen tritt das absolut zurück. Ich sage nicht, dass es ein Thema ist, das man nicht bearbeiten muss – das muss man ganz sicher. Aber gerade, wenn man sich historische Befunde anschaut, dann sieht man: Flüchtlinge erfahren einfach sofort eine Verfremdung deswegen, weil sie Flüchtlinge sind, weil sie so radikal ohne Möglichkeiten sind in der Situation. Und da ist es relativ egal, ob die von weit herkommen oder nicht.

Das Gespräch führte Miriam Steiner, noe.ORF.at

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