Landestheater: Engagiertes „Utopia“

Wie wollen wir leben? Diese Frage hat sich das junge Wiener Theaterkollektiv YZMA im Landestheater in St. Pölten gestellt. Mit ihrem Theaterprojekt „Utopia“ gehen sie auf Entdeckungsreise nach neuen, heutigen Utopien.

Schlechte Zeiten für Utopien, so scheint’s. Das Theaterkollektiv YZMA machte sich am Landestheater in St. Pölten dennoch an die Entwicklung eines Stücks, das sich vom vor 500 Jahren entstandenen Roman „Utopia“ von Thomas Morus inspirieren ließ. Das Ergebnis ist bei seiner Uraufführung am Samstagabend eifrig beklatscht worden, wirkt insgesamt engagiert, aber doch auch ein wenig zerfahren.

YZMA besteht aus Milena Michalek, die für die Inszenierung verantwortlich zeichnet, Johanna Wolff und Florian Haslinger, die gemeinsam mit Zeynep Bozbay und Tim Breyvogel das föhnfrisierte Darstellerquartett bilden, sowie Karl Börner, der als Produktionsleiter fungiert. Xanthippe, Bob Beb, Tomas Hops und Kollege Krähennest hetzen einander im rekordverdächtigen Schnellsprech durch 90 schweißtreibende Minuten in der Theaterwerkstatt. Immerhin hatten ursprünglich 650 Seiten Rohtext den dramaturgischen Filter durchlaufen. Reste experimentellen Extemporierens sind noch spürbar, vermitteln Workshop-Atmosphäre.

Uraufführung „Utopia“ im Landestheater

Das Theaterprojekt basiert auf dem 500 Jahre alten Roman „Utopia“ von Thomas Morus

Theaterkollektiv recherchierte in Niederösterreich

Leise Töne vernimmt man kaum auf der anfangs paradiesischen Insel Utopia, auf der sich hehre Ideale wie im Real Life allmählich ins Gegenteil verkehren. Ergänzt wird das meist hektische Bühnengeschehen durch filmische Zuspielungen, die mit Aufnahmen winterlicher Landschaften und Ausschnitten aus Interviews kontrastierende Ruhepole setzen.

Für diese Recherchen hat das YZMA-Team Orte in Niederösterreich aufgesucht, wo utopisches Potenzial auf unterschiedlichste Weise in die Praxis umgesetzt wird: das Museum Gugging etwa, Stift Heiligenkreuz, die Projekte Cohousing Pomali und Wohnwagon oder die Waldviertler Schuhfabrik, deren streitbarer Leiter Heini Staudinger in seinem deftigen Plädoyer für verantwortungsvolles Miteinander und gegen den „alltäglichen Schas“ konventionellen Wirtschaftslebens auch für die deutlichsten Worte des Abends sorgt.

Utopia im Landestheater

ORF

Das Theaterkollektiv YZMA aus Wien

Diskussionen über Plastiksackerl und Windräder

Morus hatte seinen utopischen Staat so charakterisiert: „Es gibt keine Armen und keine Bettler, und obgleich niemand etwas besitzt, sind doch alle reich. Könnte es nämlich einen größeren Reichtum geben, als völlig frei von jeder Sorge, heiteren Sinnes und ruhigen Herzens zu leben?“ Davon sind die vier wackeren Utopiesucher offenbar weit entfernt. Nach endlosen Diskussionen, unter anderem über Plastiksackerl, Windräder, Müllberge und Bevölkerungswachstum, nach heftigen Auseinandersetzungen und vielen moralinsauren Fragen und Ausbrüchen sitzen am Schluss alle einmütig am Boden und verzehren genüsslich geteilte Südfrüchte. Immerhin - Mahlzeit!

Ewald Baringer, Austria Presse Agentur

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