Fausts ungewöhnlicher Auftritt in Pürbach

Einen vermeintlichen Klassiker gibt es im Wald4tler Hoftheater in Pürbach (Bezirk Gmünd) zu sehen. Die Inszenierung von „Faust I“ ist aber alles andere als gewöhnlich oder herkömmlich. Donnerstagabend ist Premiere.

„Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust“ - Faust-Zitate wie dieses dürften viele Menschen an ihren Deutschunterricht erinnern. Goethes Tragödie zählt schließlich zu den wichtigsten und meistzitierten Theaterstücken in der deutschen Literatur.

Der Pakt zwischen Faust und Mephisto und die Gretchentragödie finden sich auch in der Pürbacher Inszenierung wieder, die am Donnerstag Premiere hat. Umso interessanter wird es, wenn Faust hier von Anfang an ein junger Mann in Straßenkleidung und Mephisto eine Frau ist. Umso ungewöhnlicher wird es auch, wenn Gretchen plötzlich zur Prostituierten wird und Gretchens Bruder Valentin zu deren Zuhälter.

Regisseur Ludwig Wüst beschäftigt sich seit bald 20 Jahren mit Goethes „Faust“. In Pürbach spielt er bewusst mit der Grenze zwischen Altem und Neuem, mit Bekanntem und Unbekanntem. So lässt er die Schauspieler - ein vierköpfiges Ensemble - Goethes Sprache über weite Strecken unverändert vortragen. Zugleich ist das Stück stark gestrafft. Wüst will „den Kern herausholen, das Skelett der ganzen Sache.“

In Pürbach ist „Faust I“ ein Stück im Stück

Der Regisseur hebt die Handlung gleichzeitig auf eine Metaebene, indem er „Faust I“ als Theaterstück im Theaterstück inszeniert. Mit Absicht fügt er immer wieder Brüche ein, „damit die Leute wissen, dass das hier und jetzt passiert“, so Wüst. „Es geht nicht um eine Illusion, sondern es ist immer Gegenwart. Das ist die Qualität des Theaters.“ Die Hauptthemen von „Faust I“, darunter Liebe und Verantwortung, ziehen sich quer durch das Stück und - so viel sei schon jetzt verraten - münden in ein Finale, das sich von jenem unterscheidet, das Goethe vor mehr als 200 Jahren schrieb.

Ein radikaler „Faust“

Der Pürbacher Faust (Peter Pertusini) haucht Goethes alter Hülle gemeinsam mit Wagner (Markus Schramm) neues Leben ein.

Der Regisseur ist Moritz Hierländer, dem Leiter des Wald4tler Hoftheaters, dankbar, ungewöhnlichere Inszenierungen wie diese möglich zu machen. „Das ist hier einfach keine Komödie. Wir haben natürlich humorvolle Elemente, aber der ‚Faust‘ ist eine Herausforderung für die Kollegen, für meine Wenigkeit und auch das Publikum“, sagt Wüst. Nicht nur reine Unterhaltung, sondern auch anspruchsvollere Inhalte zu bieten sei aber „ein kulturpolitisches Statement“.

Waldviertler Wald4tler Hoftheater Faust I

ORF / Novak

Moritz Hierländer übernahm 2015 das Hoftheater nach dem Tod seines Vaters und Theatergründers Harald Gugenberger

Für Hierländer ist es die zweite Saison als Leiter des Wald4tler Hoftheaters. Er versucht nun, dem Theater einen eigenen Stempel aufzudrücken. Das zeigte sich auch etwa Anfang Mai beim Start der neuen Programmschiene „Wald4tler OFFtheater“, die mit teils absurden Inhalten jüngeres Publikum anziehen soll. Das Konzept ging laut Hierländer auf. Gleichzeitig habe er sich sehr darüber gefreut, dass er bei der Premiere auch „normales Publikum des Wald4tler Hoftheaters“ begrüßen durfte.

Hierländer: „Keine Angst, Absurderes zu machen“

„Das hat mich weiter darin bestärkt, keine Angst davor zu haben, auch absurdere Sachen zu machen“, sagte Hierländer im Gespräch mit noe.ORF.at. „Dazu zählt auch, einen Klassiker wie ‚Faust‘ einmal in ganz ein anderes Konzept zu werfen. ‚Faust‘ ist ja trist und sehr schwer. Wenn man das in ein neues Gewand steckt, kann man auch das Wald4tler Hoftheater-Publikum daran heranführen.“

Wüsts „Faust I“-Inszenierung wird im Mai nach der Premiere am Donnerstag noch siebenmal gezeigt. Im Oktober folgen acht weitere Vorstellungen. Abgesehen davon stehen in Pürbach bis Dezember zahlreiche weitere Produktionen auf dem Programm. Im Juli gibt es zum Beispiel die Uraufführung von Hakon Hirzenbergers Satire „Die Auserwählten“, in der eine Marsmission zur Dokusoap verkommt. Für Hierländer ist es jedenfalls entscheidend, dass für jeden etwas dabei ist. Denn das sei schon seinem Vater sehr wichtig gewesen.

Felix Novak, noe.ORF.at

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