Marcel Chahrour
ORF/Herzog
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„Nahaufnahme“

Chahrour: Impfskepsis ist „nichts Neues“

Sowohl der medizinische Fortschritt zur Bekämpfung der Pandemie als auch die Sehnsucht nach der Ferne sind derzeit brennende Themen. Mit beidem befasst sich der Kulturvermittler und Medizinhistoriker Marcel Chahrour und erzählt davon in der „Nahaufnahme“.

Selten war die Sehnsucht nach Ferne so groß wie in diesen Tagen, selten auch die Hoffnung auf medizinischen Fortschritt im Kampf gegen eine Krankheit. Marcel Chahrour hat sich als Kurator der neuen Ausstellung „Sehnsucht Ferne“ auf der Schallaburg auf die Spuren des Fernwehs begeben und sich zum anderen als Medizinhistoriker mit der Geschichte der Impfung intensiv auseinandergesetzt. In der Radio-Niederösterreich-„Nahaufnahme“ gibt der Kirchstettner (Bezirk St. Pölten) Einblicke in seine vielfältigen Tätigkeitsfelder und erklärt, warum sich ein Blick zurück immer lohnt.

„Viele Dinge, die in unserem Alltag präsent sind, sind oft ganz stark dadurch geprägt, was bereits vergessen ist. Wenn man sich mit Geschichte etwas intensiver beschäftigt, kann man vieles verstehen, und das finde ich total positiv“, so der Historiker, der zum Beispiel erklärt, dass es Quarantänen aufgrund von Krankheiten schon im 14. Jahrhundert gab, als ganze Besatzungen von Schiffen 40 Tage lang auf ihrem Schiff bleiben mussten, bevor sie etwa in Venedig an Land gehen durften.

Erste Massenimpfung fand in Brunn am Gebirge statt

Auch Impfskeptiker habe es in der Geschichte immer schon gegeben, so Chahrour. „Im 18. Jahrhundert waren sogar viele Ärzte darunter, die dieser ursprünglich osmanischen Medizintechnik vorerst keinen Glauben schenken wollten.“ Erste Erfahrungswerte sowie mutige junge Ärzte, die etwa die Kuhpockenimpfungen ihren eigenen Kindern verabreichten, sowie eine verheerende Pockenepidemie in Wien im Sommer des Jahres 1800 führten schließlich zur ersten Massenimpfung Mitteleuropas, bei der in Brunn am Gebirge (Bezirk Mödling) viele Menschen gegen die Pocken geimpft wurden.

Sendungshinweis

„Nahaufnahme“, 14.3.2021

Auch in der Ausstellung „Sehnsucht Ferne“ auf der Schallaburg stehen in diesem Jahr Menschen im Mittelpunkt, die sich durch Mut und Forschergeist auf große Entdeckungsreisen begeben haben. „Es war uns wichtig, beide Seiten zu zeigen: sowohl die Menschen hinter den Entdeckungsfahrten, aber auch jene Menschen, die von ihnen entdeckt wurden“, so Chahrour. Denn es gehe darum, ein etwas gerechteres Bild davon zu bekommen, wer unsere Welt prägte und wer die Menschen waren, die vielleicht nicht auf der Gewinnerseite waren. „Diese Ambivalenz prägt unsere Geschichte“, so der Historiker. Auch was die Besucher interaktiv erleben können und welche seltenen Tonaufnahmen zu hören sein werden, verrät Marcel Chahrour in der Radio-NÖ-„Nahaufnahme“ im Gespräch mit Alice Herzog.