Hirtenberger Waffenaffäre 1933
Sammlung Strobl
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„100 Jahre NÖ“

1933: Hirtenberg und die illegale Waffenaffäre

Die Hirtenberger Patronenfabrik ist eines der bedeutendsten Munitionsunternehmen Österreichs. Doch 1933 fliegt ein groß angelegter Waffenschmuggel von Italien über Österreich nach Ungarn auf. Die Krise führt indirekt in den Untergang der Ersten Republik.

Am 8. Jänner 1933 deckte die „Arbeiter-Zeitung“ auf, dass ein Waffentransport von Italien nach Hirtenberg (Bezirk Baden) unterwegs sei. Der Inhalt: 50.000 Gewehre und 200 Maschinengewehre, die für Ungarn bestimmt sein sollen. Die ersten Waggons – zehn bis 20 – trafen laut einem Bericht der Gendarmerie Hirtenberg bereits rund um den Jahreswechsel am Bahnhof Enzesfeld, dem Nachbarort Hirtenbergs, ein.

„Die Firmenleitung hat den Betriebsrat zwar informiert, was hier im Laufen ist, er wurde aber um Stillschweigen gebeten“, erzählt Gemeindehistoriker Erich Strobl im Gespräch mit noe.ORF.at. Das Unternehmen habe mit Arbeitsplätzen argumentiert. „Immerhin war die Auftragslage durch die Friedensverträge damals schlecht.“ Und die Waffen sollten laut Zeitungsbericht in der Hirtenberger Patronenfabrik vor der Weiterleitung nach Ungarn repariert und gewartet werden.

Hirtenberger Waffenaffäre 1933
Anno/Arbeiter Zeitung

Bruch der Friedensverträge

Sowohl Italien – durch Benito Mussolini – als auch Ungarn – durch Miklos Horthy – waren damals bereits faschistisch regiert. Mit den Waffen, die ursprünglich der K.-u.-k.-Armee gehörten und im Ersten Weltkrieg von Italien erbeutet wurden, wollte Mussolini Ungarn bzw. Horthy helfen, aufzurüsten, erzählt Josef Mötz, Kurator des Hirtenberger Patronenmuseums, „was durch die Friedensverträge nach dem Ersten Weltkrieg natürlich strengstens verboten war“.

Hirtenberger Waffenaffäre 1933
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Fritz Mandl (1900-1977), Generaldirektor der Hirtenberger Patronenfabrik

Als Mittelsmann soll deshalb Fritz Mandl fungiert haben, ab 1924 Generaldirektor der Hirtenberger Patronenfabrik und ein enger Vertrauter des Heimwehrführers Ernst Rüdiger Starhemberg, schildert Strobl: „Über Mandl ist Geld in die Heimwehren geflossen, Starhemberg hat den Kontakt zu Mussolini hergestellt, und Italien wurde zu einem Großabnehmer von Munition aus Hirtenberg.“ Mussolini wollte im Gegenzug die Heimwehren unterstützen.

Aufrüstung der Heimwehren

Starhembergs Ziel war es, aus der Heimwehr, der christlichsozialen Parteienarmee, eine schlagkräftige Organisation zu formen. Dafür fehlten ihm – wie auch Horthy – die Waffen. Starhemberg und Mussolini sollen deshalb die Lösung gefunden haben, die alten Waffen, als Altmetall deklariert, nach Hirtenberg zu liefern. Von dort aus sollten ungarische Stellen den Weitertransport übernehmen. „Im Einvernehmen“ mit Bundeskanzler Dollfuß sollte ein Teil zurückgehalten werden.

Doch der Plan schlug fehl. Die Staaten der „Kleinen Entente“, vor allem Frankreich und die CSR, zeigten sich empört und verlangten Aufklärung von der heimischen Regierung. Die beiden Siegermächte des Ersten Weltkriegs sahen in dem Waffenschmuggel einen schweren Verstoß gegen den Vertrag von Saint-Germain bzw. den Vertrag von Trianon. Die Bundesregierung wies diese Vorwürfe zurück.

Die Folge war eine noch stärkere Entfremdung zwischen Österreich und den demokratischen Westmächten sowie eine zunehmend stärkere Bindung Österreichs an Italien. Innenpolitisch verhärtete die Hirtenberger Waffenaffäre die Fronten zwischen dem linken und rechten politischen Lager.

Putsch des „schwarzen“ Wehrverbandes

In der Presse war von der Aufrüstung der Heimwehr, sogar von einem Putsch des „schwarzen“ Wehrverbandes mithilfe der Waffen aus Italien die Rede. Die Waffen wurden beschlagnahmt und von der Gendarmerie, später vom Bundesheer, in der Patronenfabrik bewacht. Es stellte sich heraus, dass es bedeutend mehr Waffen waren, als ursprünglich kolportiert: etwa 100.000 Gewehre und mehr als 1.000 Maschinengewehre.

Die Eisenbahner – überwiegend Anhänger der Sozialdemokratie – traten daraufhin in Streik, „und wollten damit eine Weiterverteilung verhindern“. Als sich der Nationalrat Anfang März 1933 damit befasste, kam es zu einer Geschäftsordnungspanne, die Dollfuß nutzte, um die Demokratie auszuschalten und den autoritären Ständestaat zu etablieren. Im März 1934 wurde der Waffenbestand übrigens aufgrund eines Abkommens zwischen Österreich und Ungarn aufgeteilt.

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Besuch von Bundeskanzler Schuschnigg (3.v.l.) um 1936 in der Schule in Hirtenberg, Fritz Mandl (2.v.r.)
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Im Munitionsmuseum Hirtenberg wird die Geschichte der Fabrik mit allen Höhen und Tiefen erzählt
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Der Großteil der ehemaligen Hirtenberger Patronenfabrik steht bis heute
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Auch das ehemalige Direktionsgebäude behielt seine Funktion

„Undurchsichtige Rolle“

Laut Mötz ist die „Rolle Mandls undurchsichtig“. Doch dass die Waffen in Hirtenberg repariert werden sollten, „stimmt sicher nicht, weil Hirtenberg eine reine Munitionsfabrik war und allenfalls eine kleine Waffenwerkstätte für die Versuchswaffen, die aber für die Kapazitäten nie ausgereicht hätte, 10.000 Waffen zu servicieren“. Vielmehr hätten die Arbeiten eher in Budapest stattfinden sollen, ist der Museumskurator überzeugt.

In Hirtenberg sorgte die Waffenaffäre hingegen für wenig Aufsehen, auch innerhalb der Arbeiterschaft bzw. der Bevölkerung. „Man war wohl eher froh, dass man eine Arbeit hatte“, glaubt Strobl. Denn rundherum herrschte zu dieser Zeit Massenarbeitslosigkeit. „Und der Großteil der Arbeiter war gegenüber der Fabrik, in der oft mehrere Generationen gearbeitet haben, immer sehr loyal“, ergänzt Mötz.

Immerhin konnte die Fabrik auch damals bereits auf eine lange Geschichte zurückblicken. 1860 gründete der eingewanderte Schwabe Serafin Keller in Hirtenberg eine kleine metallverarbeitende Werkstätte. Ab 1863 wurde die Heeresverwaltung mit kleinen Waffenteilen beliefert. Zugleich wurde 1863 eine zweite Manufaktur (Kromag-Alcar) errichtet. Ab den 1870er Jahren wurden auch Patronenhülsen für Handfeuerwaffen hergestellt.

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Blütephase und Niedergang

Die Blütephase erlebte das Unternehmen im Ersten Weltkrieg. Ab dem Winter 1914/15 wurde die Produktion an Kriegsmunition für die Streitkräfte der Monarchie stark ausgeweitet. Zugleich konnten Exportaufträge an Kriegsmunition für neutrale oder verbündete Staaten realisiert werden, etwa für das Königreich Bulgarien. Durch die kriegsbedingte Hochkonjunktur war 1916 mit 4.200 Personen der höchste Personalstand in Hirtenberg erreicht.

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Styriabooks
Buchtipp: Eine Neuerscheinung über die ebenso umtriebige und schillernde wie widersprüchliche Persönlichkeit Fritz Mandl

Ab 1916 machten sich im täglichen Leben und in der Rüstungsindustrie die Mangelerscheinungen des Krieges immer stärker bemerkbar. Die Lebensmittelversorgung der Bevölkerung sowie die teilweise katastrophale Rohstofflage für die Industrie wurden zu einem immer schwieriger zu meisternden Problem. Ab 1917 kam es auch zu Unruhen in der Arbeiterschaft. Gleichzeitig wurden immer mehr Facharbeiter zum Militärdienst eingezogen, dadurch stieg der Frauenanteil im Werk.

Kommunisten zünden Fabrik an

Nach dem Krieg schrumpfte die Personalzahl auf ein Viertel. Mit Polen konnte aber ein neuer Abnehmer gewonnen werden, der sich militärisch aufrüsten wollte. Doch einer Gruppe kommunistischer Arbeiter war das „ein Dorn im Auge“, weil Polen und die Sowjetunion damals im Osten um die Grenze stritten. „Weil sie nicht für den Feind produzieren wollten“, legte die Gruppe im April 1920 ein Feuer. Zwar wurde niemand verletzt, doch „90 Prozent der Infrastruktur wurden zerstört“, sagt Mötz.

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Durch den Brand im Jahr 1920 wurde die Fabrik fast zur Gänze zerstört

Während die Fabrik am Boden lag, holte Alexander Mandl – damals Leiter der Munitionsfabrik – seinen Sohn Fritz in das Unternehmen und betraute ihn gleich mit einer Führungsaufgabe. Innerhalb kurzer Zeit baute er die Fabrik wieder auf. Durch seine Geschäfte im In- und Ausland gelang es sogar, dass in einer Zeit der Weltwirtschaftskrise und Massenarbeitslosigkeit in Hirtenberg Hochkonjunktur herrschte. „Der Betrieb war damals munitionstechnisch weltweit führend“, so Mötz.

„Umtriebig und skrupellos“

Als einziges Munitionsunternehmen konnte Hirtenberger damals eine ganze Serie eines Kalibers anbieten, begründet Mötz den Erfolg – von der Exerzierpatrone bis zur Beobachtungspatrone mit Explosiongeschoß. Die Märkte blieben bestehen, geliefert wurde bis in den Fernen Osten, Japan und China. „Er war sehr umtriebig, aber auch skrupellos und ist über Leichen gegangen“, erzählt Strobl, „und hatte viele Verbindungen in Richtung Lateinamerika“.

Sendungshinweis

„Radio NÖ am Nachmittag“, 11.2.2022

Auch deshalb konnte die Hirtenberger Patronenfabrik die Waffenaffäre 1933 gut überstehen. In den Jahren 1935 bis 1937 wurden etwa 550 Millionen Schuss nach Argentinien, Bolivien, Bulgarien, Chile, China, Ecuador, Griechenland, Irak, Italien, Mexiko, Polen, Spanien und Ungarn geliefert. Mandl war ein Machtmensch und Weltbürger, der auf der ganzen Welt politische Kontakte und wirtschaftliche Netzwerke hatte.

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Hirtenberg Talwerk, Werk Lindenberg, Lager am Weinberg und Wäldchen (1944)

Deshalb war er auch in Österreich nicht unumstritten. Probleme mit gewissen Vertretern der Regierung veranlassten ihn, bereits 1937 Österreich zu verlassen und die Führung der Hirtenberger AG aus Argentinien, der Schweiz und Frankreich wahrzunehmen. Unmittelbar nach dem „Anschluss“ im März 1938 wurde der Betrieb in die deutsche Wilhelm-Gustloff-Stiftung einverleibt, am 27. März 1938 trat Mandl als Generaldirektor der Hirtenberger AG freiwillig zurück.

„Auslandsdeutscher“ wirbt für Volksabstimmung

Zwei Wochen nach dem „Anschluss“ ließ Mandl ein ganzes Bündel an Briefen aus Frankreich verschicken. In einem dieser Schreiben bezeichnete er sich als „Auslandsdeutscher, der in Argentinien ruhig leben und meinen Urlaub in seiner Heimat unangefeindet verleben können will“, in einem zweiten forderte er seine Belegschaft in Hirtenberg sogar auf, bei der kommenden Volksabstimmung „für das großdeutsche Vaterland zu stimmen“.

Hirtenberger Waffenaffäre 1933
HP-Museum
In diesem Brief empfiehlt Fritz Mandl, „für das großdeutsche Vaterland zu stimmen“

Währenddessen wurde in Hirtenberg zur Bewältigung des deutschen Kriegsrüstungsbedarfs das neue Werk Lindenberg errichtet. Sämtliche explosions- und feuergefährlichen Arbeiten sollten nun am Lindenberg konzentriert werden, während im Talwerk die weitgehend ungefährliche Komponentenerzeugung stattfand. Tausende Männer und Frauen aus fast ganz Europa, hauptsächlich aus den besetzten Gebieten (Frankreich, Ukraine, Jugoslawien), lebten hier und arbeiteten in der Munitionsproduktion der Gustloffwerke.

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Am 28. September 1944 wurde eigens für die Gustloffwerke ein Nebenlager des KZ Mauthausen in Hirtenberg eingerichtet. Es war am Areal des schon bestehenden Fremdarbeiterlagers „Am Weinberg“ gelegen, von diesem durch einen elektrisch geladenen Zaun getrennt und beherbergte etwa 400 weibliche KZ-Häftlinge.

Wiederaufbau 2.0

Nach dem Zweiten Weltkrieg übernahmen die Sowjets das Kommando. „Die haben hier alles devastiert“, erzählt Mötz. Das Werk am Lindenberg wurde gesprengt, „weil es ihnen zu modern war“. 1955 war Mandl endgültig zurück in der Heimat – pünktlich zur Wiedereröffnung der Staatsoper. Innerhalb von zwei Jahren sprach ihm die Rückstellungskommission beim Landesgericht Wien die Hirtenberger AG wieder zu.

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Glüherei nach der Demontage (1951)

Erneut wurde das Unternehmen aufgebaut. Der Vorteil: Dieses Mal brauchte auch das junge österreichische Bundesheer Munition. Doch an das Vorkriegsniveau „kam man nicht mehr heran“, weiß Mötz, der seit 2010 sein privates Firmenmuseum am Gelände der ehemaligen Hirtenberger Patronenfabrik betreibt. Ab den 1970er Jahren schrieb die Sparte rote Zahlen. 1977 starb Mandl.

Die nächste Waffenaffäre

Die Erben verkauften 1981 die Aktienmehrheit an die verstaatlichten Großkonzerne Voestalpine AG und Austria Metall AG. In Kooperation mit einem weiteren Staatsbetrieb, der Firma Noricum, wurde teuer in die Munition der Kanonenhaubitze Gun Howitzer Noricum investiert. „Die Firma wurde gezielt aufgekauft, um dafür die Munition zu erzeugen“, erzählt Mötz. Und damit folgte der nächste Waffenskandal, in den man involviert war: Noricum.

Vor Gericht wurde aufgezeigt, dass auch Hirtenberger-Manager in illegale Waffen- und Munitionsexporte – u. a. in den Irak und den Iran während des Krieges zwischen diesen beiden Staaten – verwickelt waren. Die Angelegenheit war auch Gegenstand eines parlamentarischen Untersuchungsausschusses, die Stimmung in der Öffentlichkeit in Österreich führte schließlich zur Trennung der verstaatlichten Industrie von der Hirtenberger AG. Die Suche nach einem privaten Käufer begann.

Neues Gesicht ohne Waffen

1986 erfolgte die Umbenennung des ausgeschlankten Betriebs in Hirtenberger AG. Mittlerweile firmiert der Konzern mit seiner mehr als eineinhalb Jahrhunderte alten Geschichte unter dem Namen Astotec Holding GmbH. Das Geschäft mit Waffen wurde 2021 endgültig abgestoßen, stattdessen ist man Weltmarktführer in bestimmten Sparten des Automobilsektors. Doch nach wie vor wird in alle Welt exportiert.

Und auch das Know-how der Munitionsfertigung beschäftigt den Konzern weiterhin. Denn Airbags funktionieren ähnlich wie eine Patrone, erklärt Mötz: „Indem über einen Zünder Treibmittel zur Verbrennung gebracht wird, wird der Airbag aufgeblasen.“ Die Zahl der Mitarbeiter ist über die Jahre auf wenige hundert geschrumpft.

Für die Bewohner der Thermenregion und insbesondere Hirtenbergs bedeutete die Fabrik aber über viele Jahre Beschäftigung – vor allem in Zeiten von wirtschaftlichen Krisen und Arbeitslosigkeit. Und nicht zuletzt verdankt Hirtenberg seine selbstständige Existenz als Gemeinde dem Vorgängerunternehmen. Denn Hirtenberg wurde erst im Dezember 1870 eigenständig. „Wir waren also schon gut im Geschäft, bevor es Hirtenberg überhaupt gegeben hat“, merkt Strobl stolz an.