Karl Rottenschlager im April 2022
ORF
ORF
„MENSCHEN IM BLICKPUNKT“

Emmaus: Ein Projekt schreibt Geschichte

Vor 40 Jahren hatte der junge Sozialarbeiter Karl Rottenschlager in der Justizanstalt Krems die Idee eines Auffangnetzes für Ex-Häftlinge. Über die Jahrzehnte ist daraus ein „Imperium der Menschlichkeit“ geworden – die Emmaus-Gemeinschaft St. Pölten.

Vor wenigen Wochen wurde Karl Rottenschlager 75 Jahre alt und auch die Emmaus-Gemeinschaft feiert einen runden Geburtstag – den 40er. Emmaus und Rottenschlager sind untrennbar miteinander verbunden. Karl, genannt „Charly“, Rottenschlager ist längst in Pension, aber noch immer als freier Mitarbeiter tätig. „Jetzt habe ich endlich Zeit für die Menschen, ohne die bürokratische Arbeit rundherum.“ Er wohnt auch noch immer im ersten Wohnheim in der Herzogenburger Straße in St. Pölten.

In den 70er-Jahren war Karl Rottenschlager Sozialarbeiter im Gefängnis Krems-Stein und betrachtete es als Skandal, dass es für Häftlinge, die entlassen wurden, keine Anlaufstelle gab: „Zwei von drei hatten am Tag der Entlassung weder Arbeit noch Quartier. Das ist der programmierte Rückfall.“

Emmaus bedeutet Hoffnung

Rottenschlager versuchte, ein Wohnheim für ehemalige Strafgefangene zu schaffen. Fünf Projekte scheiterten, erst das sechste funktionierte. In einem baufälligen Haus in der Herzogenburger Straße in St. Pölten begann er mit drei Klienten und nannte das Projekt „Emmaus“ – ein Ort aus der Bibel, der Hoffnung impliziert.

Fotostrecke mit 3 Bildern

Karl Rottenschlager 1978 bei einem Gespräch mit einem Häftling der Justizanstalt Krems-Stein
ORF
Rottenschlager in einem Beitrag 1978: Beratungsgespräch mit einem Häftling
Das Emmaus-Heim 1982
ORF
Beim sechsten Anlauf findet Rottenschlager ein Gebäude für ein Wohnheim – in der Herzogenburger Straße St. Pölten (Aufnahme aus dem Jahr 1982)
Karl Rottenschlager geht in eines der Emmaus-Wohnheime in St. Pölten
ORF
Dort wohnt der 75-jährige Rottenschlager heute noch

Diese Hoffnung vermittelte er mit seiner ständig wachsenden Emmaus-Gemeinschaft Tausenden Menschen. Längst nicht mehr nur ehemaligen Strafgefangenen, sondern allen, die aus unterschiedlichen Gründen an den Rand der Gesellschaft gedrängt wurden – oft durch Alkohol oder Drogen, oft auch „ausgespuckt von der Leistungsgesellschaft“. So sagt Rottenschlager: „Unser Hauptanteil, und das sind für mich die Ärmsten in unserer Gesellschaft, das sind Menschen mit psychischer Beeinträchtigung. Dieser unglaubliche Leistungsdruck, den halten viele nicht durch.“

14.000 Menschen im Auffangnetz

Inzwischen wuchs Emmaus auf vier Wohnheime, drei Notschlafstellen, zwei Tagesbetreuungszentren und fünf Betriebe im niederösterreichischen Zentralraum an. In den Betrieben – von der Holzwerkstatt bis zur Tiffany-Glasmanufaktur – wird die Möglichkeit geboten, beruflich wieder Fuß zu fassen.

Sendungshinweis

„NÖ heute“, 17.4.2022

Und in dem angeschlossenen Emmaus-Shop in der Austinstraße in St. Pölten-Viehofen gibt es die Kunstwerke zu kaufen, die in diesen Werkstätten hergestellt worden sind. Damit wird ein Teil des Systems bezahlt, das hauptsächlich durch Förderungen von AMS und Land Niederösterreich finanziert wird.

Die Zahl aller Menschen, die in Emmaus-Einrichtungen betreut wurden, schätzt Rottenschlager auf bis jetzt 14.000. Nicht mitgerechnet die Mitarbeiter der „soogut-Märkte“. Denn auch diese Sozialmarkt-Kette, mit inzwischen zehn Filialen in Niederösterreich, geht auf die Initiative Karl Rottenschlagers zurück. Er gründete vor fast 20 Jahren in St. Pölten den ersten Sozialmarkt für Einkommensschwache, in dem auch von Armut oder Arbeitslosigkeit Betroffene arbeiten.

Fotostrecke mit 3 Bildern

Regal in einem soogut-Sozialmarkt
ORF
Die soogut-Sozialmärkte gehen ebenfalls auf eine Idee Rottenschlagers zurück
Ex-Häftlinge und sozial Benachteiligte in einer Werkstatt der Emmaus-Gemeinschaft
ORF
In den Einrichtungen der Emmaus-Gemeinschaft soll etwa durch Arbeit in Werkstätten der Weg ins Arbeitsleben gefunden werden
Karl Rottenschlager im Gespräch mit einem Klienten von Emmaus
ORF
Als freier Mitarbeiter bezeichnet sich Rottenschlager heute – er ist noch immer aktiv

„Jede Krise ist eine Chance“

Rottenschlager erklärt auch seine Definition des Emmaus-Begriffes aus der Bibel im Zusammenhang mit der St. Pöltner Gemeinschaft: „Unabhängig von Weltanschauung und Religion versteht jeder: Wenn wir in Gemeinschaft mit Menschen, die die Aussätzigen unserer Zeit sind, die keiner mag, gehen und ihnen Hilfe anbieten, dann können nicht nur seelische Wunden heilen, dann entsteht auch so etwas wie Lebensfreude. Die werden wie verwandelt.“

Auch wenn die früheren Strafgefangenen nur noch vierzig Prozent aller Klientinnen und Klienten von Emmaus ausmachen, Konfliktstoff gibt es genug: „Es sind aber bis auf wenige Ausnahmen alle Konflikte, obwohl die Leute in Summe mehr als 10.000 Jahre Haft verbüßt haben, ohne polizeiliche Interventionen gelöst worden. Wir kommen ständig an unsere Grenzen, das tägliche Brot ist das Scheitern. Aber wenn man es therapeutisch sieht, ist jede Krise eine Chance.“ Und die nützen viele: Zwei von drei Menschen, die von Emmaus betreut werden, schaffen es heraus aus ihrer tristen Situation.