„Nahaufnahme“

CoV: Experte liefert Antworten

Seit zwei Wochen leben wir im Ausnahmezustand. Wann ist an eine Lockerung der Maßnahmen zu denken? Und warum sollen jetzt auch Menschen auf CoV getestet werden, die keine Symptome haben? Der Infektiologe Heinz Burgmann ist dazu Gast in der „Nahaufnahme“ mit Alice Herzog.

„Es wird sicher noch über längere Zeit so bleiben wie es ist, bis wirklich eine bestimmte Menge der Bevölkerung immunisiert ist und sich das Virus nicht weiter ausbreiten kann“, sagt Heinz Burgmann, Leiter der Abteilung für Infektionen am AKH Wien, in der Radio-Niederösterreich-„Nahaufnahme“. Er denke dabei noch eher in Wochen als in Monaten, aber die Situation werde nach Ostern wohl ähnlich sein wie heute, vermutet der Experte. Auch eine Rückkehr zum gewohnten Alltag könne nur schrittweise erfolgen, wie man momentan in China beobachten kann.

In Bezug auf die Ansteckungsgefahr im Alltag appelliert Burgmann einmal mehr, einen Abstand von ein bis zwei Metern einzuhalten. „Die Ansteckung erfolgt zumeist über Tröpfcheninfektion und nicht über Oberflächen“, so Burgmann. Ganz auszuschließen sei es nicht, dass das Virus auf dem Griff eines Einkaufswagerls haften bleibt. Diese Infektionskette lasse sich aber durch regelmäßiges Händewaschen sehr einfach durchbrechen, sagt der Experte im Interview.

Professor Heinz Burgmann von der MedUni Wien
Medizinische Universität Wien
Heinz Burgmann von der Medizinischen Universität Wien bzw. dem AKH Wien

Dass immer mehr Menschen mit Mundschutz einkaufen gehen oder auf öffentlichen Plätzen unterwegs sind, sieht Heinz Burgmann insofern positiv, weil dadurch infizierte Menschen andere nicht so leicht anstecken können, aber: „Wenn ich mich selbst schützen will, bringt so ein Mundschutz nicht so viel wie das Abstandhalten.“ Was selbstgenähte Mundschutzmasken betrifft, müsste man abklären, welche Stoffe hier verwendet werden, aber eine mechanische Barriere an sich könne natürlich dabei helfen, ein Weitergeben der Infektion zu verhindern, so Burgmann.

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„Nahaufnahme“, 29.3.2020

Im Schnitt dauert es 14 Tage, bis man nach einer Covid-19-Erkrankung wieder geheilt ist. „Die Menschen entwickeln Antikörper und sind, mit Ausnahmen, danach gegen das Coronavirus auch immun“, so Heinz Burgmann, allerdings: „Es gibt kein Virus, das sich nicht auch verändern, also mutieren kann, wobei das nicht immer zum Schaden des Menschen sein muss.“ Die große Gefahr bei Corona liege darin, dass es sich um ein neues Virus handelt, gegen das die Menschen noch keine Immunität entwickelt haben, dass außerdem die Infektionsrate sehr hoch ist und man sich bereits anstecken kann, bevor überhaupt Symptome auftreten. „Das war bei SARS 1 beispielsweise anders“, so der Wissenschafter.

Weil die Spitze der Coronavirus-Infektionen in Österreich noch nicht erreicht ist, plädiert auch Heinz Burgmann für eine Aufrechterhaltung der bestehenden Maßnahmen. Auch eine Lockerung nach einigen Wochen müsse immer in Abstimmung mit der vorhandenen Kapazität in den Krankenhäusern erfolgen und könne nur schrittweise erfolgen. Längerfristige Prognosen seien extrem schwierig, weil Infektionen je nach Population immer unterschiedlich verlaufen, so Burgmann.

Schönborn für „Pakt gegen Einsamkeit“

Unser Leben mit dem Coronavirus bringt Sorgen, Hoffnungslosigkeit und Einsamkeit, aber auch Mitgefühl, Hilfsbereitschaft und Zusammenhalt. „Wenn man mir vor 14 Tagen gesagt hätte, was wir heute erleben, hätte ich es mir nicht vorstellen können“, sagt Kardinal Christoph Schönborn, der Vorsitzende der Österreichischen Bischofskonferenz. Nach seiner Krebserkrankung und dem Lungeninfarkt im Vorjahr gehört er zur Gruppe der besonders gefährdeten Personen. Auch sein Alltag habe sich einmal mehr umgestellt, erzählt er im Gespräch mit Alice Herzog: „Gewissermaßen wurde ich durch meine Krankheit im Vorjahr schon auf die derzeitige Situation vorbereitet. Auch damals musste ich alle Termine von heute auf morgen absagen.“

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„Nahaufnahme“, 22.3.2020

In Krisenzeiten haben viele Menschen wieder Sehnsucht nach dem Glauben, nach Religion: „Natürlich belastet die derzeitige Situation. Es ist eine Herausforderung, nicht irgendwelche billigen Trostworte zu sagen, sondern das gemeinsam durchzutragen und mit dem Herzen dabei zu sein“, so der Wiener Erzbischof. Die Gesellschaft rücke menschlich zusammen, obwohl Abstand gefordert sei: „Das gibt sehr viel Hoffnung, und die Hoffnung dürfen wir nicht aufgeben, denn die Hoffnung stirbt überhaupt nicht, die Hoffnung ist nicht umzubringen. Es gibt eine Sicherheit: Die Viruskrise wird vorbeigehen.“

Kardinal Christoph Schönborn im Erzbischöflichen Palais
APA/Hans Punz
Kardinal Christoph Schönborn: „Die Hoffnung dürfen wir nicht aufgeben, denn die Hoffnung stirbt überhaupt nicht, die Hoffnung ist nicht umzubringen“

Besonders wendet sich Kardinal Christoph Schönborn an jene Menschen, die alleine leben: „Das Thema Einsamkeit wird uns jetzt noch viel bewusster durch diese Krise. Und wenn ein Problem bewusst wird, entstehen auch gute kreative Ideen, wie man damit umgehen kann. Die Idee eines Paktes gegen die Einsamkeit bekommt jetzt eine ganz besondere Dringlichkeit.“

Auch er habe eine derartige Situation noch nie erlebt, so Schönborn im Gespräch mit Alice Herzog: „Natürlich verfolgt mich das alles – bis in meine Träume hinein. Also zu sagen, ich hätte keine Angst oder Sorgen – das wäre nicht richtig. Ja, ich mache mir Sorgen!“ Was Trost und Hoffnung spenden können, sei auch Hoffnung und die Gewissheit, dass die Krise vorbeigeht: „Es gibt ja auch in schwierigen Situationen einen Anlass, zu lächeln und manchmal auch zu lachen. Der Humor ist die kleine Schwester der Hoffnung“, so Schönborn.

Schmid: „Entscheidend ist, die Situation ernst zu nehmen“

Unser neues Leben mit dem Coronavirus: Wie stellen wir uns auf die Veränderungen in unserem Leben ein? Darüber hat Alice Herzog in einer „Nahaufnahme spezial“ mit dem Psychologen Norman Schmid gesprochen. Das Coronavirus und die Maßnahmen, um die Ausbreitung einzudämmen, haben massive Auswirkungen auf das öffentliche Leben und auf die Psyche jedes Einzelnen. „Zunächst macht es eine Verunsicherung, weil wir nicht wissen, was los ist und wie es weitergeht“, sagt Norman Schmid, Psychologe in St. Pölten und Leiter des Berufsverbandes der Psychologen in Niederösterreich im Gespräch mit Alice Herzog in der „Nahaufnahme“ auf Radio Niederösterreich.

„Zu den Grundbedürfnissen der Menschen zählen das Verstehen und die subjektive Kontrolle. Wenn diese Bedürfnisse bedroht sind, fühlen wir uns nicht wohl und brauchen Anker von außen – von der Regierung – oder Möglichkeiten, die wir selbst haben.“

Die Menschen reagieren jedenfalls unterschiedlich auf die aktuelle Ausnahmesituation. Manche riegeln sich ab, andere sehen die Situation noch immer entspannt. „Ängstlichkeit ist situationsabhängig“, sagt Schmid. „Das Entscheidende in der jetzigen Situation ist aber, dass man sie ernst nimmt. Das ist keine Show, keine Übertreibung. Nach all den Daten, die man als Wissenschaftler bewertet, geht es darum, alle Maßnahmen wie etwa die soziale Isolation zu befolgen.“

Alice Herzog im Gespräch mit Norman Schmid
ORF/Thomas Koppensteiner
Interview durch die Glasscheibe in Zeiten des Coronavirus: Alice Herzog im Gespräch mit Norman Schmid

Die Angst wirkt sich auch auf das Verhalten der Menschen aus, wie die vergangenen Tage gezeigt haben. In den Supermärkten kam es zu Hamstereinkäufen. „Wenn die Angst hochfährt, haben wir drei Mechanismen: Flucht, Angriff oder Erstarren. All diese Varianten sehen wir jetzt in unterschiedlichen Ausprägungen. Die Hamsterkäufe sind in Richtung Kampf einzuordnen und psychologisch auch verständlich, weil es darum geht, Sicherheit zu gewinnen“, erklärt Schmid.

Um sich zu beruhigen, empfiehlt der Psychologe „wichtige und richtige Informationen aufzusuchen, vom ORF zum Beispiel, und Facebook und Social Media zu vermeiden.“ Außerdem könne man die Zeit zuhause für sich und die Familie nutzen – mit Brettspielen oder Spaziergängen, ohne dabei natürlich Freunde zu treffen.

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„Nahaufnahme“, 15.3.2020

Das Coronavirus schafft freilich Erklärungsbedarf gegenüber den Kindern. „Generell ist es wichtig, Dinge beim Namen zu nennen, natürlich in kindgerechter Sprache“, sagt der Vater von zwei bereits erwachsenen Kindern. „Kinder vertragen Wahrheiten besser als wir Erwachsene.“ Einerseits soll man den Kindern erklären, worum es geht, andererseits auch die Möglichkeiten aufzeigen, was man als Einzelner tun kann. Dass Kinder langfristige Schäden davontragen, glaubt er nicht. „Die Menschen haben eine große Widerstandsfähigkeit. Es ist kein psychisches Trauma, das ausgelöst wird, es ist eine Ausnahmesituation, die zu bewältigen ist.“

Stadler: „Karriere ist gesteuerter Zufall“

Elisabeth Stadler ist Generaldirektorin der Vienna Insurance Group und die einzige Frau an der Spitze eines börsennotierten Unternehmens in Österreich. Zum Weltfrauentag gab sie in der „Nahaufnahme“ Einblicke in ihre Welt als Topmanagerin und erzählte über ihren persönlichen Weg als Frau an die Spitze der Versicherungswirtschaft.

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„Nahaufnahme“, 8.3.2020

„Karriere ist gesteuerter Zufall“, so Stadler im Gespräch mit Radio-NÖ-Moderatorin Alice Herzog. Sie spricht dabei das Quäntchen Glück an, das im Leben dazugehört. Sie selbst ist ihren Weg an die Spitze im Management immer sehr zielstrebig gegangen, wenngleich ihr Talent und ihre Leidenschaft für Zahlen wohl die Grundlage für ihren Erfolg waren.

"Ich habe mich schon in der Volksschule mit Mathematikrätseln beschäftigt, bin im Gymnasium auf die Mathematik-Olympiade gegangen, mich haben Zahlen und Statistiken immer fasziniert“, sagt Stadler, die heute im Versicherungskonzern für mehr als 25.000 Mitarbeiter in Österreich, aber auch in Zentral- und Osteuropa verantwortlich ist.

Nahaufnahme Elisabeth Stadler
ORF
Alice Herzog (l.) im Gespräch mit Elisabeth Stadler

Über ihren Weg als Frau ganz an die Spitze eines börsennotierten Unternehmens meint Elisabeth Stadler: „Ich glaube, man muss ein bisschen mehr leisten, um aufzufallen. Jeder weiß, dass ich kein Quotenfan bin, denn Frauen wollen wegen ihrer Qualifikationen in Jobs kommen und nicht, weil sie eine Frau sind.“ In der Radio-NÖ-„Nahaufnahme“ erzählt Stadler auch über ihr Zuhause in Langenlois, ihr Interesse für Kultur an der Seite ihres Mannes Robert Stadler und wie ihr der Ausgleich zum Berufsleben gelingt.