Gelagertes Schadholz
ORF / Novak
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Landwirtschaft

Borkenkäfer: Eine schwierige Lösungssuche

Millionen Festmeter Holz fielen 2018 dem Borkenkäfer zum Opfer. Land und Landwirtschaft kündigen Maßnahmen an und sehen Konsumenten und Holzindustrie in der Pflicht. Doch letztere kontert.

Knapp zwei Drittel des geschlägerten Holzes in Niederösterreich waren 2018 Schadholz. Wiederum zwei Drittel davon waren vom Borkenkäfer befallen. Damit bleibt die Käfer-Problematik ein bestimmendes Thema für niederösterreichische Forstwirte.

Ein durchschnittlicher Betrieb mit 30 Hektar Wald habe bisher nachhaltig etwa 200 Festmeter Holz schlägern können und dadurch etwa 7.300 Euro erhalten, rechnete Johannes Schmuckenschlager, Präsident der Landwirtschaftskammer Niederösterreich, am Dienstag vor: „Momentan bekommt er für dieses Holz, wenn es als Schadholz abgesetzt wird, nur knapp 1.000 Euro.“ Das Minus in der Höhe von mehr als 6.000 Euro bei gleichem Aufwand sei eine „betriebswirtschaftlich schreckliche“ Situation, die nicht dauerhaft möglich sei.

Zusätzliche Regionen betroffen

Eine kurze Verschnaufpause aufgrund von Niederschlägen im Frühjahr ist nun vorbei. Betroffen ist wie schon in den letzten Jahren das Waldviertel – aber nicht nur. Im Bezirk Lilienfeld hielten ausreichende Regenfälle den Borkenkäfer in den vergangenen Jahren unter Kontrolle. Unwetter und Schneemassen führten heuer allerdings plötzlich zu ähnlichen Szenarien wie im Waldviertel. So seien die beschädigten Bäume unter der Schneedecke verborgen gewesen.

„Erst Ende Mai oder Anfang Juni hat man gesehen, wie viel Schadholz da liegt“, sagte der Forstwirt Daniel Heindl. Dabei handle es sich nun um beste Brutbedingungen für den Käfer. „Auf einmal zeigte sich die Situation des Waldviertels auch bei uns. Wir züchten – unter Anführungszeichen – Borkenkäfer.“

Karte Borkenkäfer-Befall 2018
NÖ Landesforstdienst/LKNÖ
Die Karte zeigt die niederösterreichischen Regionen, die 2018 in unterschiedlichem Ausmaß vom Borkenkäfer betroffen waren

Verantwortlich für die allgemeine Krise sei der Klimawandel, betonte Landeshauptfrau-Stellvertreter Stephan Pernkopf (ÖVP). „Die langen Dürreperioden und die hohen Temperaturen sorgen dafür, dass sich der Borkenkäfer dramatisch ausbreiten kann. Teilweise kommen vier Generationen pro Jahr.“

Fichten als „leichte Beute“

Besonders Fichtenwälder, die 37 Prozent der Fläche ausmachen, seien unter anderem aufgrund der Hitze und des fehlenden Niederschlags „leichte Beute“ für den Schädling. „Natürlich ist es jetzt einfach zu sagen, dass Fichten in niedrigen Lagen nicht mehr gepflanzt werden sollen, und stattdessen auf Mischwälder gesetzt werden soll“, sagte Pernkopf.

Die Schuld liege aber nicht bei den Forstwirten: „Wenn Sie zurückdenken: Wir haben in der Mittelschule noch gelernt, Österreich war ein Fichtenwaldklima.“ Nun würden jedoch Klimaforscher stattdessen sagen, dass es künftig ein Buchenwaldklima gebe. „Hier hat niemand etwas falsch gemacht, sondern es war damals die Empfehlung.“

Borkenkäfer ist in einem Gang zu sehen, den das Insekt in den Stamm einer Fichte gefressen hat
APA/ZB/Klaus-Dietmar Gabbert
Besonders Fichten werden zunehmend von Borkenkäfern befallen

Der Schädlingskrise entgegenwirken möchte das Land mit dem 2018 ins Leben gerufenen Waldschutzprogramm. Bis inklusive Juni 2019 wurden Niederösterreichs Forstwirte in diesem Rahmen mit rund 5,3 Millionen Euro unterstützt. Etwa 1,7 Millionen Euro flossen Pernkopf zufolge in den Forstschutz. Damit seien rund 640 Hektar Wald gemulcht und 55.000 Festmeter Holz in Zwischenlager gebracht worden. Bereitgestellt wurden zudem 11.000 sogenannte Fangbäume für Borkenkäfer.

Weitere Mittel freigegeben

Mit den 3,6 Millionen Euro, die für die Wiederaufforstung bereitgestellt worden waren, sind „1.700 Hektar neuer Wald entstanden“, rechnete der Landeshauptfrau-Stellvertreter vor. In beide Bereiche – Forstschutz und Wiederaufforstung – sollen nun weitere zwei Millionen Euro investiert werden.

Problematisch sei der Import von ausländischem Holz, der im Vorjahr bundesweit um ein Fünftel gestiegen sei und dadurch etwa 35.000 zusätzliche Lkw-Fahrten verursacht habe. Pernkopf appellierte: „Bitte das Holz vor der Haustür einkaufen, statt klimaschädliche Importe zu tätigen. Das ist ein ganz dringender Appell, weil vor der Haustür genug Holz vorhanden ist.“

Pressekonferenz mit LH-Stv. Stephan Pernkopf und LKNÖ-Präsident Johannes Schmuckenschlager
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Die Pressekonferenz in einem Waldstück bei Pyhra (Bezirk St. Pölten) mit Forstwirtin Viktoria Hutter, LKNÖ-Präsident Johannes Schmuckenschlager, Landeshauptfrau-Stellvertreter Stephan Pernkopf und Forstwirt Daniel Heindl (v.l.)

LKNÖ-Präsident Schmuckenschlager ging noch weiter – für den Fall, dass der Appell ungehört bleibt. Es sei „nicht zulässig, dass die Holzwirtschaft weiterhin so stark importiert“, sagte er und brachte „Notwehrfahrverbote“ für Holztransporter ins Spiel. „Es funktioniert auch in Tirol und in Salzburg, was den Transitverkehr rund um den Urlaub betrifft.“ Diese Maßnahmen werde die Landwirtschaftskammer „künftig auch einfordern“.

Unverständnis bei Holzindustrie

Franz Kirnbauer von der Holzindustrie Niederösterreich konnte die genannten Zahlen und den Appell in einer Reaktion gegenüber noe.ORF.at nicht nachvollziehen. „Wir schauen darauf, das heimische Schadholz zu verarbeiten, und nehmen so viel Ware wie möglich im Lager auf“, sagte er. Im Vorjahr sei der Holzimport in Niederösterreich zudem trotz gestiegener Produktionsmengen gleich geblieben, in den ersten Monaten 2019 sogar leicht gesunken. Kirnbauer will nun ein klärendes Gespräch mit der Landwirtschaftskammer Niedeörsterreich abwarten. Dieses ist für Ende Juli geplant.