Landesleitzentrale St. Pölten
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Chronik

Langer Weg zur Notruf-Reform

Eine Reform soll für mehr Effizienz bei Polizeieinsätzen sorgen. Nach Verzögerungen ist die neue Landesleitzentrale nun in Betrieb. Damit werden Notrufe zentral und nicht mehr regional in den Bezirken bearbeitet. Auch die Anbindung an andere Einsatzorganisationen soll verbessert werden – doch das geht nur langsam voran.

Effizienter und schneller will die Polizei Notrufe bearbeiten. Das soll ein neues System namens ELKOS leisten. Bisher wurden nahezu alle Telefonate des Polizeinotrufs 133 bzw. des EU-weiten Notrufs 112 in regionalen Leitstellen in den Bezirken und größeren Städten entgegengenommen. Auch Alarmanlagen wurden dort überwacht. Knapp 700 Polizistinnen und Polizisten übernahmen tageweise den Telefondienst, hatten davon abgesehen aber auch andere Aufgaben. Für den Fall einer kurzzeitigen Überlastung gab es in St. Pölten eine zusätzliche kleine Leitstelle.

Dieses System mit seinen Bezirksstellen ist nun Geschichte. Stattdessen wurde die Landesleitzentrale in St. Pölten um- und deutlich ausgebaut. In drei Schritten wurden die Notrufe innerhalb von sechs Monaten aus den einzelnen Bezirken nach St. Pölten verlegt. Seit dem vergangenen November ist ELKOS hier in Vollbetrieb. Damit war Niederösterreich nach der Steiermark das zweite Bundesland, die übrigen sollen in den nächsten Monaten folgen.

Effizienz durch kleineres Team

In St. Pölten arbeitet nun nur noch ein Zehntel der bisherigen Disponenten, diese Beamten machen das allerdings hauptberuflich. „Es sind Mitarbeiter aus dem ganzen Land, die sich für diesen Job beworben haben“, sagt Projektleiter Andreas Polaschek. Er spricht von einer „guten Mischung“, denn es gebe „Mitarbeiter mit sehr langer Erfahrung im Außendienst, aber auch Junge, die technisch sehr schnell dazulernen.“ Dass die Ortskenntnis der Mitarbeiter im zentralisierten System nicht überall gleich gut ist, soll durch Technik und Erfahrung wettgemacht werden, verspricht Polaschek.

Landesleitzentrale St. Pölten
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Die umgebaute Landesleitzentrale ist für Notrufe und Disposition zuständig, überwacht aber auch den Verkehr auf Niederösterreichs Autobahnen

Mit der Umstellung entlaste man die Polizei-Standorte in den Bezirken und Städten, sagt der stellvertretende Landespolizeidirektor Franz Popp. Ein weiterer Vorteil sei der Wegfall von Bezirksgrenzen bei der Alarmierung. So gebe es in der Landesleitzentrale einen guten Überblick über alle verfügbaren Kräfte in der Nähe des Einsatzortes.

Kritik am bisherigen System

Auslöser für die bundesweite Umstellung auf ELKOS war eine Kritik des Rechnungshofes. 2017 stellte das Innenministerium deshalb das neue System vor. Dieses sollte binnen eines Jahres ausgerollt werden, hieß es damals. Niederösterreich sollte zu den Vorreitern gehören – mehr dazu in Neues System für Blaulichtorganisationen ab 2018 (noe.ORF.at; 2.10.2017).

Dass der Vollbetrieb nun doch erst mehr als ein Jahr später starten konnte, hängt mit einer Reihe an Störungen im Testbetrieb zusammen. „Das ist ein komplexes technisches System, das in der Praxis erprobt werden musste. Da hat es natürlich einige technische Probleme gegeben. Daher ist es zu den Zeitverzögerungen gekommen“, räumt Popp ein. Eine erste Zwischenbilanz falle nun trotzdem „hervorragend“ aus. Sowohl aus den Bezirken als auch aus der Zentrale gebe es positive Rückmeldungen, versichert Popp, der die niederösterreichische Polizei derzeit gemeinsam mit Rudolf Slamanig interimistisch führt.

Landesleitzentrale St. Pölten
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Jeder Mitarbeiter der Landesleitzentrale arbeitet mit seinem eigenen Headset

Ein weiterer zentraler Vorteil von ELKOS sollte die bessere Anbindung an andere Einsatzorganisationen sein. Diese wäre auch dringend nötig. Das zeigt sich etwa bei Verkehrsunfällen, bei denen zusätzlich zur Exekutive auch die Rettung alarmiert werden muss. In diesem Szenario müssen die Disponenten von Polizei und Rettung jedes Mal miteinander telefonieren und die Daten mündlich weitergeben. Das kostet wertvolle Zeit und kann zu Missverständnissen führen. Ziel von ELKOS wäre ein automatisierter Austausch zwischen den einzelnen Leitstellen, wie es ihn derzeit schon innerhalb des Rettungsdienstes zwischen einzelnen Bundesländern gibt.

Feuerwehr als Projektpartner

Weiter als bei der Rettung ist die Polizei jedenfalls bei der Kooperation mit den niederösterreichischen Feuerwehren. Schließlich ist der Landesfeuerwehrverband seit Beginn wichtigster Projektpartner des Innenministeriums. Geplant ist, eine angepasste Version von ELKOS in allen Bezirksalarmzentralen in Niederösterreich zu übernehmen. Die Kosten dafür übernimmt das Land Niederösterreich.

„Die Kooperation mit der Polizei war für uns sehr wichtig, da wir bereits im Digitalfunk zusammenarbeiten und hier ein direkter Draht besteht“, sagt Landesfeuerwehrkommandant Dietmar Fahrafellner. Nun gehe es darum, sich für moderne Herausforderungen zu rüsten. Als Beispiel nennt Fahrafellner das eCall-System, mit dem Fahrzeuge Unfälle automatisiert melden. Dieses ist in der EU seit 2018 in allen Neuwagen Pflicht. In Österreich landen diese Anrufe via Euro-Notruf 112 bei der Polizei, diese muss die Feuerwehr anschließend auch hier mühsam telefonisch verständigen.

Alarmzentrale der Feuerwehr in St. Pölten
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In der Bezirksalarmzentrale in St. Pölten läuft noch das alte System, das die Feuerwehr intern entwickelt hat

Notruf-Tipps

Das Wichtigste bei einem Notruf ist laut Polizei, möglichst klare Angaben zum eigenen Standort zu machen. Das kann eine Kilometerzahl oder Abfahrt auf der Autobahn sein oder eine Institution oder ein Geschäft in Sichtweite. Dabei ist es wichtig, ruhig zu bleiben. Der Notruf wird in der Regel von der Leitstelle beendet. Im Bedarfsfall kann diese den Anrufer aber zurückrufen.

Derzeit läuft ELKOS bei der Feuerwehr nur in einer abgespeckten Version. So können die Mitarbeiter der Alarmzentralen in manchen Fällen bereits Mobiltelefone von Anrufern orten. Bevor das gesamte System zur Anwendung kommt, will Fahrafellner die Details der Ausschreibung und der vorliegenden Software noch einmal prüfen. Er habe versprochen, „dass wir mit dem System erst dann online gehen, wenn es zu fast hundert Prozent funktioniert.“ Auch der Landesfeuerwehrkommandant berichtet von Problemen im Testbetrieb. Feuerwehreinsätze seien allerdings generell etwas komplexer, etwa bei Unfällen mit Gefahrgut oder bei der Anforderung von Spezialfahrzeugen.

In wenigen Monaten will die Feuerwehr im Bezirk Hollabrunn und in der Landeswarnzentrale in Tulln den Testbetrieb aufnehmen. Im zweiten Halbjahr soll das System dann über ganz Niederösterreich ausgerollt werden. Ähnliche Ziele hat auch der stellvertretende Landespolizeidirektor Franz Popp. Derzeit müsse man noch einige Applikationen entwickeln und testen. Der Zeitplan dafür werde zwar zentral von der Arbeitsgruppe im Innenministerium erstellt, Popp rechnet aber mit einem Abschluss bis Jahresende. Wenn es zu keiner weiteren Verzögerung kommt, soll dann „die Schnittstellen-Thematik erledigt“ und damit die Verbindung zu Feuerwehr und auch Rettung hergestellt sein.