Wissenschaft

MedAustron: Bestrahlung aus jedem Winkel

Im Krebsbehandlungszentrum MedAustron in Wr. Neustadt wird erstmals eine Tumorbestrahlung aus 360 Grad möglich sein. Der neue Behandlungsraum wird gerade fertig gebaut. Bisher konnte der Ionenstrahl nur horizontal oder vertikal verwendet werden.

Zwölf Meter hoch, 200 Tonnen schwer und ein Drehdurchmesser von 7,5 Meter – all das braucht es, um einen Ionenstrahl mit einer Genauigkeit im Zehntelmillimeter-Bereich zu lenken. Die sogenannte Gantry ist das Drehgestell im dritten Behandlungsraum bei MedAustron. In der Stahlkonstruktion befinden sich Magneten und Linsen, die den Ionenstrahl in einem Vakuum aus dem Teilchenbeschleuniger formen und fokussieren. Der Strahl kann damit in jedem beliebigen Winkel um die Patientinnen und Patienten manövriert werden.

In den ersten beiden Behandlungsräumen in Wr. Neustadt ist man auf horizontale und vertikale Bestrahlung beschränkt, so Gantry-Projektleiter Gregor Kowarik: „Die Gantry ermöglicht neue Behandlungen. Dadurch, dass wir aus verschiedenen Winkeln einstrahlen, kann man Strukturen in einem Patienten aussparen. Es gibt Gewebetypen, die mehr oder weniger empfindlich für Strahlung sind, und da kann man bestimmte Bereiche besser aussparen als das eventuell in einer Fixstrahllinie ginge.“

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„Gantry“ im MedAustron, vierter Behandlungsraum
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Hinter dem Behandlungsraum befindet sich das 200-Tonnen-Gestell
„Gantry“ im MedAustron, vierter Behandlungsraum
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Das Drehgestell „Gantry“ dreht auch einen Teil der Wand und des Bodens im Behandlungsraum mit
Neues Drehgestell im MedAustron in Wr. Neustadt zur Krebsbestrahlung
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Der Behandlungsraum ist gleichzeitig Teil des Drehgestells
Neues Drehgestell im MedAustron in Wr. Neustadt zur Krebsbestrahlung
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Gelenkt und fokussiert wird der Ionenstrahl etwa über Linsen. Diese Teile haben im Bild außen die orange Farbe
Neues Drehgestell im MedAustron in Wr. Neustadt zur Krebsbestrahlung
ORF/Pöchhacker
Die grünen Elemente sind Elektromagnete, über die der Strahl aus dem Teilchenbeschleuniger gelenkt wird

Spektrum an behandelbaren Tumoren wird größer

Tumore in komplizierten Lagen – etwa neben Nerven oder lebenswichtigen Organen – sollen mit der neuen Methode behandelt werden, da dieses empfindliche Gewebe dabei so wenig Strahlung wie möglich abbekomme. Bis jetzt sei das mitunter gar nicht oder nur schwer möglich, so Kowarik gegenüber noe.ORF.at. Sowohl für Patientinnen und Patienten, die bereits einen Bestrahlungszyklus hatten, als auch für Kinder sei die Methode gut anwendbar.

Das Drehgestell ist eine Einzelanfertigung. An der genauen Anpassung der technischen Komponenten und der Verbindung mit dem Teilchenbeschleuniger konnte nur über Nacht gearbeitet werden, da tagsüber die beiden anderen Behandlungsräume in Betrieb sind und den Ionenstrahl nutzen. Das Gerät passt sich künftig an jeden Menschen und den jeweiligen Tumor an. Getestet wird die Dosis und Genauigkeit des Strahls zuvor an einem Wassertank.

MedAustron 2022 im Vollbetrieb

Das Krebsforschungszentrum, in dem im Dezember 2016 der erste Patient behandelt wurde, wird mit dem dritten Behandlungsraum 2022 endgültig im Vollbetrieb sein. Dann können jährlich 1.000 Patientinnen und Patienten behandelt werden, aktuell sind es etwa 320, so Geschäftsführer Alfred Zens.

„Vollbetrieb bedeutet zunächst, dass wir den Behandlungstag bis 22.00 Uhr ausdehnen können. Die Zahl der Patienten wird steigen. Die Arbeit bei MedAustron ist aber noch nicht fertig, wir wollen ja die Anlage weiter entwickeln, verbessern und zusätzliche Behandlungsmöglichkeiten anbieten“, sagt Zens. Die Bestrahlung über Protonen oder Kohlenstoffionen gibt es mit MedAustron weltweit in fünf Zentren.