Die Compagnie „wortwiege“ unter der künstlerischen Leitung von Anna Maria Krassnigg, die bei der Uraufführung am Mittwochabend auch Regie führte, entschied sich bereits im Vorjahr Theater in den Kasematten zu spielen und den Thalhof in Reichenau an der Rax (Bezirk Neunkirchen) zu verlassen. Die Ursprünge der historischen Gewölbe in Wiener Neustadt reichen bis ins 12. Jahrhundert zurück. Für die niederösterreichische Landesausstellung 2019 wurden die Kasematten jahrelang revitalisiert und dienen nun als multifunktionales Veranstaltungs-, Kultur- und Kongresszentrum.
Eine „Lady-Macbeth“ behauptet sich in der Medienwelt
Das Festival „Bloody Crown“ sollte Theater und Literatur an den neuen Veranstaltungsort bringen, musste im März jedoch bereits nach wenigen Tagen aufgrund der Coronavirus-Pandemie wieder schließen. Nun begann der Neustart mit der Uraufführung von Olga Flors Dramatisierung „Die Königin ist tot“.
Das Werk der österreichischen Schriftstellerin zeichnet den Aufstieg der Protagonistin Lilly, die sich in der raubtierhaften Medienwelt von Chicago nach ganz oben kämpft. „Wenn man die Macht der Geschichte, denn darum geht es im Genre der Königsdramen, an einem archetypischen Ort sehen will, dann wird man das in dieser Weise rein architektonisch nur hier sehen können. Das könnte unser Unique-Selling-Point sei, auch für das Wiener Publikum“, sagt die künstlerische Leiterin und Regisseurin Anna Maria Krassnig.
Die Rolle der Hauptfigur wird bei „Die Königin ist tot“ von drei Darstellerinnen, die gleichzeitig auf der Bühne sind, gespielt (Nina C. Gabriel, Petra Staduan und Isabella Wolf). Ein Kunstgriff, der gut funktioniert und viel von der Gedankenwelt der ehrgeizigen jungen Frau offenbart. Neben diesem Regieeinfall, den multimedialen Zuspielungen überzeugt vor allem der Text von Olga Flor. „Die Königin ist tot“ ist eine kluge Macbeth-Neuerzählung. Ihren Titel hat Olga Flor direkt aus „Macbeth“: „The queen, my lord, is dead.“
Flor analysiert die Zerrissenheit einer Aufsteigerin in der modernen Gesellschaft. „Die Lady Macbeth ist eine überaus ehrgeizige Figur, eine Frau wie man sie in den USA als ‚Trophy Wife‘ bezeichnet, eine Frau die sich in ihrer Eigenschaft als gefälliges Beiwerk versucht hochzuarbeiten. Das ist kein feministisches Konzept. Im Gegenteil, es ist eine absolut patriarchatskompatible Frau. Man sieht diesen Typ Frau immer wieder und gerade in der letzten Zeit ist es erstaunlich wie nah die Realität der Fiktion kommt“, so die Autorin.

Krassnig möchte Denkanstöße liefern
Für Anna Maria Krassnig hat der Spielort in Wiener Neustadt ein besonderes Flair: „Diese Räume atmen Geschichte. Sie haben nicht nur Geschichte erlebt, sondern das prägt die Architektur und in solchen – wie ich es nenne – verwundeten Räumen Theater zu machen, gibt einen besonderen Mehrwert.“ Bei den Aufführungen in den Kasematten gibt es ein strenges Sicherheitskonzept. 70 statt weitaus mehr als 100 Zuschauer haben nun Platz bei einer Vorstellung. Bis zum Sitzplatz werden Masken getragen.
Das Stück ist ebenso wie die zweite Produktion „König Johann“ nach Friedrich Dürrenmatt, die am Samstag Premiere feiert, bis 4. Oktober in den Kasematten zu sehen. Zudem gibt es mit dem Salon Royal ein regelmäßiges Dialogforum, denn Krassnig möchte, dass Theater Denkanstöße liefert und als Themenlieferant fungiert.