Schülerin im Homeschooling
ORF/Tschandl
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Bildung

Homeschooling: Die „vergessene“ Oberstufe

Seit November sind die Oberstufen, mit Ausnahme der Maturaklassen, im Homeschooling. Während Volksschulen und Unterstufen mehrere Wochen Präsenzunterricht hatten, wurden die älteren Schüler nur punktuell etwa für Tests in die Klassen geholt. Man habe auf die Oberstufen vergessen, sagt jetzt Bildungspsychologin Christiane Spiel.

Ein ganz normaler Schultag beginnt bei den meisten Oberstufenschülerinnen und -schülern seit vielen Wochen am eigenen Schreibtisch zuhause, vor dem Computer oder Laptop. Arbeitsaufträge werden entgegengenommen, Online-Stunden durchgeführt und Hausübungen besprochen. Ist der reguläre Unterricht vorbei, werden Aufträge abgearbeitet, für Tests und Schularbeiten gelernt. Für Freizeit bleibt nur wenig Spielraum, noch dazu, wo man diese derzeit ohnehin nur zuhause verbringen kann, ohne soziale Kontakte, ohne Treffen mit Freunden.

Das sei ein Zustand, der gerade in diesem Alter sehr belastend sein könne, sagt Christiane Spiel, Bildungspsychologin an der Universität Wien. „Das ist ein Alter, wo man versucht, aus der starken Abhängigkeit der Eltern herauszukommen. Da spielen auch die Freundinnen und Freunde eine sehr große Rolle. Man baut Beziehungen auf. Es ist eine Zeit, wo man viel unternimmt, ausgeht, sich erprobt, Reisen macht. Und all das können die jungen Menschen momentan nicht. Deshalb trifft sie diese Situation besonders“, so die Bildungspsychologin.

Arbeitspensum laut Studie gestiegen

Zudem habe sich der Arbeitsaufwand deutlich erhöht. „Einer unserer aktuellen Studien besagt, dass 60 Prozent der Oberstufenschülerinnen und -schüler angeben, ihr Arbeitspensum habe sich auf teilweise über acht Stunden pro Tag erhöht. Das ist eindeutig zu viel“, sagt Spiel. Man habe auf diese Gruppe von Schülerinnen und Schülern vergessen, so die Psychologin weiter.

„Man hat offenbar übersehen, dass Jugendliche komplett andere Bedürfnisse haben als jüngere Kinder. Jüngere sind noch sehr stark in die Familie eingebunden, die Eltern sind die wichtigste Bezugsperson. Jugendliche allerdings wollen hinaus, sich abnabeln, brauchen Anschluss zu Gleichaltrigen. Und das hat natürlich Effekte auf ihren Zustand und wie sie sich fühlen.“

Holzbauer: „Man versucht sich an Situation anzupassen“

Clemens Holzbauer, Schulsprecher des BRG/BORG in St. Pölten, versucht die Situation als Betroffener etwas positiver zu sehen. Er besucht die siebente Klasse des Musikzweiges an der Schule und betont, dass man sich auf die Situation unweigerlich einzustellen habe. „Ja, es ist schwierig. Wir versuchen uns auf anderen Ebenen auszutauschen. Das geht jetzt momentan eben nur online oder durch Anrufe. Man versucht sich an die Situation anzupassen. Einen Kinobesuch kann man nachholen, wenn das alles vorbei ist. Ich glaube, alles was zählt, ist, dass wir das jetzt gemeinsam durchhalten.“

Mit Hinblick auf seine Matura im kommenden Jahr zeigt sich der Schüler zuversichtlich. „Ich bin sicher, wir werden da gut vorbereitet. Und was die heurigen Jahrgänge betrifft, werden wir uns als Schülervertretung dafür einsetzen, dass es auch genügend Förderstunden geben wird.“