Praxis für Psychotherapie
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Soziales

Flüchtlings-Psychotherapiezentrum vor Aus

Das St. Pöltner Psychotherapiezentrum Jefira, das seit 14 Jahren traumatisierte Flüchtlinge betreut, steht vor dem Aus. Landesrat Gottfried Waldhäusl (FPÖ) strich die Förderung. Die Diakonie spricht von einem „Verbrechen an den Seelen“ der Klienten.

Krieg, Gewalt und Folter – die Klientinnen und Klienten von Jefira haben in ihrem Leben schon viel erlebt. Einer von ihnen ist Mahmud, der vor zwei Jahren mit seinem Vater und zwei Brüdern von Afghanistan nach Österreich kam. Seine Mutter blieb mit den beiden kleinen Schwestern zurück. Diese plötzliche Trennung war für den Achtjährigen eine traumatische Erfahrung, weshalb er seither an Migräneanfällen und epileptischen Anfällen leidet.

„Solche Traumata müssen aufgearbeitet werden", betont Diakonie-Direktorin Maria Katharina Moser. Denn das sei die Voraussetzung, „um Deutsch zu lernen, Erfolg in der Schule zu haben und schließlich einen Arbeitsplatz zu finden, auf eigenen Beinen zu stehen und seinen Teil zur Gesellschaft beitragen zu können.“

Pro Jahr wurden zuletzt etwa 100 Klientinnen und Klienten betreut – in den meisten Fällen mit Dolmetschern, die im Gegensatz zu den Kassen-Plätzen von der Diakonie bezahlt wurden.

80.000 Euro Förderung pro Jahr

Das Land förderte die Einrichtung bisher mit 80.000 Euro pro Jahr. Der Bund bzw. die EU steuerten über diverse Programme nochmals etwa 80.000 Euro bei, die Gesundheitskasse refundierte wiederum den allgemein üblichen Honorarsatz für Psychotherapie, sagt Heinz Fronek, Leiter des Fachbereichs Psychotherapie und Gesundheit des Diakonie-Flüchtlingsdienstes. Während der vergangenen 14 Jahre betreuten die Therapeutinnen und Therapeuten knapp 1.800 Personen – darunter fast 400 Kinder.

Anfang Februar folgte jedoch die Hiobsbotschaft: Asyllandesrat Gottfried Waldhäusl lehnte einen neuerlichen Antrag auf Förderung ab. Einer der Gründe: Es gebe genügend Therapieplätze über die Krankenkasse. „Jede Person, die eine psychosoziale Betreuung benötigt und eine entsprechende Überweisung in Händen hält, kann diese dann auch jederzeit in Anspruch nehmen“, so Waldhäusl. „Ein Projekt wie Jefira kann höchstens als Zusatzleistung gelten.“

Waldhäusl: „Asylwerber werden bei Jefira bevorzugt“

Außerdem sei das Projekt mit 1.700 Euro pro Person und Jahr zu teuer und zu intransparent, denn die Diakonie bekomme die Förderung unabhängig davon, wie viele Menschen überhaupt betreut würden, präzisiert eine Sprecherin. Zudem würden bei Jefira Asylwerber bevorzugt, wie Waldhäusl feststellt: „Das wäre ein Schlag ins Gesicht jedes Landsmannes, der Unterstützung wegen psychischer Probleme braucht.“

Doch ohne die Förderung des Landes kann das Projekt nicht fortgesetzt werden, sagt Fronek: „Wir haben unser Angebot bereits vor drei Jahren zurückgefahren. Noch einmal einzusparen, ist nicht mehr möglich.“ Dass das Projekt intransparent sei, weist der Psychologe zurück, alle Klienten seien von Ärzten untersucht worden und dabei sei der Bedarf an Psychotherapie festgestellt worden. Die höheren Kosten begründet Fronek mit den kaum vorhandenen finanziellen Mittel der Klienten: „Wir zahlen ihnen etwa auch die öffentliche Anreise. Wir haben jetzt höhere Kosten, aber langfristig ist es sicher günstiger.“

Alternative ist „keine Therapie“

Zudem seien Therapieplätze – anders als von Waldhäusl dargestellt – „nur beschränkt verfügbar“, stellt Fronek klar: „Für 99 Prozent der Asylwerber bedeutet das künftig keine Therapie." Laut Diakonie-Direktorin Moser leide dadurch die Integration: „Diese Psychotherapie-Möglichkeit für Traumatisierte jetzt tot zu sparen, ist ein Verbrechen an den Seelen dieser Menschen, dieser Kinder, die in ihrem Leben mehr erdulden mussten, als die menschliche Seele verkraften kann.“

Die Diakonie hofft nun auf Spenden, um das Projekt vorerst weiterführen zu können. „Wir können ja nicht von heute auf morgen zusperren“, sagt Fronek: „Schließlich haben wir unseren Klienten gegenüber eine Verantwortung und wir wollen in den Köpfen der Betroffenen nicht noch mehr Schaden anrichten.“

Neos: „Probleme lieber befeuert“

Scharfe Kritik an Waldhäusl kommen auch von Neos. Gerade bei Kindern sei die Aufarbeitung von Traumata ein wesentlicher Schritt im Integrationsprozess, sagt Landessprecherin Indra Collini: „Dass er ihnen diese Möglichkeit durch die Streichung der Förderung nimmt zeigt, dass er Probleme lieber befeuert, anstatt sie zu lösen. Waldhäusls einziges Ziel ist es, Integration um jeden Preis zu verunmöglichen.“ Collini verweist dabei auch auf ein seit 2018 ausständiges Integrationskonzept, dass der Landesrat hätte vorlegen sollen, so Neos.

Die psychotherapeutischen Verarbeitungen von Traumatisierungen müsse weiterhin für alle Betroffenen, vor allem für Kinder und Jugendliche möglich sein – egal ob Asyl oder nicht, kritisiert auch die Sozialsprecherin der Grünen in Niederösterreich, Silvia Moser: „Landeshauptfrau Mikl-Leitner ist hiermit aufgefordert, diesem menschenverachtenden Verhalten eines Mitglieds der Landesregierung ein Ende zu setzen und ihm endlich das Ressort zu entziehen.“ Die Grünen fordern nun im Sinne der Betroffenen eine Lösung, etwa mittels Sondervertrag zwischen Gesundheitskasse (ÖGK) und dem Land.