Psychotherapiestunde
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„Österreich hilft Österreich“

Hilfswerk: „Zu wenig Psychotherapieplätze“

Die gesundheitlichen Folgen der Pandemie machen sich in psychotherapeutischen Einrichtungen bemerkbar. Beim Hilfswerk beispielsweise gibt es seit dem zweiten Lockdown lange Wartelisten. Die Nachfrage nach Kassenplätzen explodierte.

Die Psychotherapiestunden in den zwölf Familien- und Beratungszentren des Hilfswerks sind de facto ausgebucht. „Seit dem zweiten Lockdown hat sich die Nachfrage verzehnfacht“, erzählt Karin Skop. Sie leitet das psychotherapeutische und psychologische Angebot des Hilfswerks Niederösterreich. Besonders gefragt, aber in zu geringem Maße verfügbar, seien jene Stunden, die von der Krankenkasse bezahlt werden.

Seit Ausbruch der Pandemie mehren sich der Expertin zufolge Fälle von Depressionen und Angststörungen, begleitet von Existenzängsten. Zu Beginn der Krise und im ersten Lockdown sei die Nachfrage noch bewältigbar gewesen, den Wendepunkt markierte der zweite Lockdown im vergangenen Herbst. „Da war es dann so, dass unsere Wartelisten in ganz Niederösterreich enorm angewachsen sind“, so Skop. Nach wie vor könne der Bedarf nicht abgedeckt werden.

Veränderte Klientel durch Pandemie

Schneller als einen Kassen-Therapieplatz bekommt man Stunden, die aus eigener Tasche zu bezahlen sind. Wer aber in der Krise beispielsweise den Job verloren hat, könne sich die anfallenden 80 Euro pro Psychotherapiestunde meist nicht leisten, erzählt Skop. In solchen Fällen versucht man beim Hilfswerk fürs Erste zumindest mit einem ehestmöglichen psychologischen Beratungsgespräch zu helfen, „weil wir den Menschen am Telefon natürlich nicht sagen können, dass sie erst in einem halben Jahr einen Therapieplatz bekommen. Das geht in so einer Ausnahmesituation wie jetzt natürlich nicht.“

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Die Aktion unterstützt Menschen, die durch die Coronavirus-Krise in Not geraten sind.

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Was Karin Skop, die auch selbst als Psychotherapeutin tätig ist, nach langjähriger Erfahrung auffällt: Es kommen immer jüngere Menschen in die Therapie – unter ihnen auch zahlreiche Kinder – sowie Familien, die bis zum Beginn der Pandemie kaum jemals nennenswerte Probleme hatten.

Für die Expertin ist die neue Zusammensetzung der Klientinnen und Klienten kein Zufall. „Familien, die vor der Pandemie schon einmal Krisen durchlebt und Strategien entwickelt haben, um durch schwere Lebenslagen zu kommen, können jetzt auf ihre Erfahrungen zurückgreifen und bewährte Bewältigungsstrategien recht gut anwenden. Familien, die bisher noch keine Krisen erlebt haben, fehlen diese Strategien hingegen, um mit der Krise umzugehen, die mittlerweile mehr als ein Jahr andauert.“

Psychische Belastung geht durch alle Altersschichten

Psychologisch gesehen ziehen sich Karin Skop zufolge die Auswirkungen der Krise durch alle Alters- und Sozialschichten und dürften keinesfalls unterschätzt werden. Den Bedarf könne man nicht nur anhand der deutlich gestiegenen Nachfrage nach psychologischer und psychotherapeutischer Hilfe ablesen. Durch zahlreiche publizierte Studien wisse man mittlerweile auch, dass ein großer Teil der Bevölkerung psychischen Schaden genommen habe.

In Anbetracht der steigenden psychischen Belastung sieht Skop dringenden Bedarf, die langen Wartelisten auf Psychotherapieplätze ehestmöglich abzubauen. „Wir brauchen psychotherapeutische Versorgung, Finanzierung und Unterstützung – und zwar in großflächigem Format.“ Laut einer repräsentativen Umfrage des Gallup Instituts im April gab zuletzt ein Drittel der Befragten an, psychisch stark belastet zu sein – mehr dazu in Gruppe der stark Betroffenen wächst (news.ORF.at; 21.4.2021).

Längerfristige Konsequenzen befürchtet

Nach Einschätzung der Expertin müsste vor allem die Anzahl der Kassen-Therapiestellen „deutlich erhöht“ werden, damit aus den Folgen der Gesundheits- und Wirtschaftskrise keine psychosoziale Krise erwächst. „Ich fürchte – und da bin ich nicht alleine mit meiner Meinung –, wenn nicht jetzt investiert wird und Kinder und Jugendliche sowie Erwachsene rasche, adäquate und professionelle Unterstützung bekommen, dass sich die volkswirtschaftlichen Folgen daraus in einem oder zwei, spätestens aber in maximal drei Jahren auswirken werden.“ Die Aussicht auf flächendeckende Impfungen können zwar die Pandemie beenden, psychische Probleme hingegen nicht.