Bilder vom Gerichtsgebäude mit Polizeischutz in Korneuburg
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Gericht

Tschetschene wegen Mordes vor Gericht

Ein 48-jähriger Tschetschene steht am Freitag in Korneuburg wegen Mordes vor Gericht. Der Angeklagte soll vor einem Jahr in Gerasdorf einen tschetschenischen Regimekritiker erschossen haben. Der Prozess findet unter höchsten Sicherheitsvorkehrungen statt.

Was ist genau vor einem Jahr in einem Hinterhof in Gerasdorf (Bezirk Korneuburg) passiert? Warum musste der Tschetschene Martin B., der mit seinen regimekritischen Videos in den sozialen Netzwerken auffiel, sterben? Diese beiden Fragen stehen am Freitag im Mittelpunkt der Verhandlung, die unter strenger Bewachung von Spezialkräften – die Spezialeinheit Cobra, der Verfassungsschutz und schwerbewaffnete Polizeikräfte – stattfindet. Denn die Bluttat sorgte vor einem Jahr für großes Aufsehen.

Laut Anklage trafen sich der Angeklagte und das spätere Todesopfer eigentlich, um ein Auto gegen eine Pistole zu tauschen, doch der Tausch stellte sich als Hinterhalt heraus. Der 43-jährige Martin B. wurde laut Ermittlungen mit sechs Schüssen aus nächster Nähe getötet. Der mutmaßliche Täter floh zunächst, konnte aber wenige Stunden später in Linz festgenommen werden.

Schmauch- und Blutspuren beim Beschuldigten

Im Gerichtsgebäude sind am Freitag keine Foto- und Videoaufnahmen erlaubt. Der Angeklagte trug eine Sicherheitsweste. Er soll laut Staatsanwaltschaft in einem Auto fünf Schüsse auf Martin B. abgefeuert haben, beim Versuch zu flüchten sei dieser dann aus dem Auto gefallen und liegen geblieben. Da der Beschuldigte laut Staatsanwalt sicher gehen wollte, dass Martin B. „auch tatsächlich tot ist, feuerte er einen sechsten Schuss auf den Kopf des Opfers ab“.

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Der Prozess findet unter hohen Sicherheitsvorkehrungen statt
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„Es handelt sich mehr oder weniger fast um eine Hinrichtung, so wie der Ablauf war“, sagte der Staatsanwalt im Schlussvortrag. Die tatsächliche Motivation konnte im Gerichtsverfahren nicht erklärt werden – ob ein Waffenhandel in einem Streit geendet habe oder der Mord doch politisch motiviert gewesen sei. Als Beweise für die Täterschaft des 48-Jährigen nannte er u.a. „massive Schmauchspuren“ an den Händen des Mannes, der also mit einer Waffe hantiert habe. Zudem seien Blutspuren des Opfers an der Hose des Beschuldigten sichergestellt worden.

Ein unbeteiligter Zeuge, der an diesem Tag im Einfahrtsbereich des Geländes gerade Reparaturen an seinem Lkw durchgeführt hatte, hörte mehrere Schüsse „ohne Pause“. Dann fuhr laut seiner Aussage ein Lenker in einem silbernen Auto mit hoher Geschwindigkeit weg und kam ihm dabei entgegen. Der Zeuge identifizierte den Mann anhand von Lichtbildern als den 48-Jährigen.

Verteidiger verdächtigt Leibwächter des Opfers

Der Verteidiger gab zu bedenken, dass das spätere Opfer um das Treffen gebeten und der Angeklagte den Wiener Westbahnhof als Ort vorgeschlagen habe. Der Treffpunkt sei dann auf das Firmengelände geändert worden, das sein Mandant nicht gekannt habe. „Wie kann das ein beauftragter Mord sein?“, fragte der Rechtsanwalt. Der Verteidiger brachte eine weitere Variante des Geschehens ins Spiel.

Laut dem Rechtsanwalt sei zu prüfen, ob nicht jener Begleiter, der sich während des Treffens hinter einem Auto versteckte, die Schüsse abgefeuert habe. Dass der Leibwächter mit der Tatwaffe geschossen hatte, war laut Gutachtern allerdings anhand der Spuren auf seiner Kleidung „mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit“ auszuschließen. Zu den Beweisen hielt der Rechtsanwalt fest, dass sowohl der Angeklagte als auch das Opfer mit Waffen hantiert und Schüsse abgefeuert haben, deshalb seien Schmauchspuren entdeckt worden. Die Tatwaffe, ebenso wie das Handy des Beschuldigten, wurde bisher nicht gefunden, Videos vom Geschehen gibt es nicht.

Leibwächter schildert seine Wahrnehmung

Fünf Millionen US-Dollar an Kopfgeld sei auf Martin B. ausgesetzt gewesen, berichtete der besagte Bodyguard am Freitag als Zeuge. Er und Martin B. hatten den Angaben zufolge deshalb daran gedacht, eine Schein-Hinrichtung des Videobloggers zu inszenieren, um abzukassieren. Diese Überlegungen wurden aber wieder verworfen. In diesem Zusammenhang hatte der Leibwächter in einem Video gehört, dass die Tatwaffe persönlich bei Kadyrow abgeliefert werden solle.

Martin B. hielt den Angeklagten laut dem Leibwächter für ungefährlich. Er habe seinem Freund von einem Treffen abraten wollen, sagte der Tschetschene. Die Bluttat habe er aus seinem Versteck in einer Halle auf dem Gelände gehört, aber nicht gesehen. „Einige Schüsse fielen hintereinander, dann war Pause und dann fiel noch ein Schuss“, berichtete der Leibwächter. Der Angeklagte habe eine Waffe in der Hand gehalten.

Angeklagter äußert sich zu Ablauf

„Vier bis fünf Personen stehen gegen mich, einer bestätigt die Aussagen des anderen“, meinte der Beschuldigte laut Dolmetscherin zu den Vorwürfen. „Das ist eine sehr gut vorbereitete Operation. Der, der das tatsächlich gemacht hat, ist geflüchtet.“ Wenig später meinte er, „es ist bekannt, dass der Leibwächter das gemacht hat“. Der 48-Jährige ist u.a. wegen Waffenschmuggels und Schlepperei vorbestraft. Er verbrachte bisher laut seinen Angaben rund fünf Jahre in Haft – er nannte die Ukraine, Russland, Weißrussland, Polen und Deutschland.

ORF-Reporter berichtet vom Prozess

ORF-Reporter Stefan Schwarzwald Sailer berichtet vom Prozess in Korneuburg.

Martin B. habe eine Pistole für seinen Sohn gesucht, berichtete der Angeklagte von einem früheren Treffen am 28. Juni 2020 mit dem späteren Opfer in der Nähe von Linz. Einen Tag darauf soll der in Oberösterreich wohnhafte Beschuldigte mit einem Bekannten abends eine „Tatortbesichtigung“ am späteren Ort der Tötung in Gerasdorf bei Wien gemacht haben, hielt ihm der vorsitzende Richter vor. Der 48-Jährige wurde observiert, weil er bereits vor dem Vorfall im Visier des Verfassungsschutzes stand. Der Angeklagte sagte, er habe damals in der Nähe Autos besichtigt.

Spuren belasten Beschuldigten

Der Beschuldigte berichtete am Freitag zunächst, er sollte bei der Zusammenkunft am 4. Juli des Vorjahres 10.000 Euro an Vorauszahlung für drei Glocks erhalten. Dann meinte er, es ging darum, Kleidung zu kaufen. Vereinbart gewesen sei der Wiener Westbahnhof als Treffpunkt. Martin B. habe ihm aber kurzfristig das Areal in Gerasdorf vorgeschlagen, wo er gegen 19.00 Uhr eintraf. Eine Waffe habe er nicht mitgeführt, und Martin B. habe kein Geld dabeigehabt. „Ich war nie in seinem Auto drinnen“, betonte der Angeklagte laut Dolmetscherin. „Ich habe bei ihm eine Pistole gesehen“, berichtete er. Als er weggefahren sei, habe Martin B. noch gelebt.

Keine Erklärung hatte er für Blut des Opfers, das auf dem linken Schuh entdeckt wurde. „Massive Beschmauchung“ wurde dem Schießsachverständigen zufolge am Gewand festgestellt, das der 48-Jährige bei der Festnahme anhatte. Die Treffer erhielt das Opfer bei einer Fluchtbewegung aus dem Auto, rekonstruierte der Gutachter das mögliche Tatgeschehen. Die Darstellung des Tschetschenen, dass die Schmauchspuren an der Hand von Schüssen in Deutschland und Oberösterreich 14 bzw. mehrere Tage vor dem 4. Juli 2020 stammten, wurde von Experten als unrealistisch angesehen.

Community spricht von „Auftragsmord“

In der tschetschenischen Community war man sich nach der Tat sicher, dass es sich dabei „zu hundert Prozent um einen Auftragsmord“ handelte, wie der Obmann des Kulturvereins Ichkeria, Khuseyn Ishkanov, gegenüber noe.ORF.at betonte: „Es ist nicht der erste Fall in Wien und nicht der erste Fall in Europa. Ich bekomme immer wieder mit, dass Leute, die gegen Russland sind, Drohungen erhalten.“ Der tschetschenische Regionalpräsident Ramsan Kadyrow beklagte hingegen eine Verschwörung des Westens.

Dem Angeklagten drohen im Falle einer Verurteilung zwischen zehn Jahren und lebenslanger Haft. Die Ermittlungen stützen sich im Wesentlichen auf die Aussagen eines 37-Jährigen, der als Leibwächter von Martin B. fungiert haben soll und Tatzeuge sei. Nach den tödlichen Schüssen soll er selbst zur Waffe gegriffen und dem mutmaßlichen Mörder nachgeschossen haben. Dafür wurde der 37-Jährige Anfang April wegen Mordversuchs zu 14 Jahren Haft verurteilt – obwohl er beteuerte, nur auf die Autoreifen gezielt zu haben.