Aktentasche aus Ungarn 1956
Franz Weingartner
Franz Weingartner
Kultur

25 Schicksale in 25 Ausstellungsobjekten

„Auf der Flucht – 25 Objekte erzählen“ heißt die aktuelle Sonderausstellung im Haus der Geschichte in St. Pölten. Die persönlichen Gegenstände stehen für die Entbehrungen, die Sehnsüchte oder die Erinnerungen jener Personen, die ihre Heimat verlassen mussten.

Ein vier Zentimeter langer, unscheinbarer Wohnungsschlüssel ist der Schlüssel in die Vergangenheit – ins Jahr 1992, als die damals 14-jährige Selma Hajdarevic vor den ethnischen Säuberungen des Bosnien-Krieges fliehen musste.

Der Operngucker von Friederike Hacker in der Vitrine steht für den Rückblick in bessere Zeiten, ein Stück Wien in Argentinien, ein Stück verlorene Kultur. Auf der Flucht vor dem Nazi-Regime landete die junge Wienerin 1938 in Buenos Aires, mit im Gepäck ist der kleine Ferngucker.

1968 floh die Familie Brejha aus Prag, jedes Familienmitglied durfte nur einen kleinen Koffer mitnehmen. Die Reise war getarnt als Urlaubstrip nach Jugoslawien. Die junge Zuzana Brejha packte in ihre Tasche die Puppe als Erinnerung an eine glückliche Kindheit.

Operngucker
Haus der Geschichte
Ein symbolischer Rückblick auf bessere Zeiten: Der Ferngucker von Friederike Hacker

Was mitnehmen, wenn man fliehen muss?

Die Frage, die man sich unwillkürlich stellt, wenn man durch die aktuelle Ausstellung geht, stellte sich auch Kuratorin Andrea Thuile vom Haus der Geschichte: „Was würde ich mitnehmen, wenn ich von einer Sekunde auf die andere meine Heimat verlassen muss und nur das Nötigste einpacken darf? Was hat einen emotionalen Wert für mich, was stellt vielleicht auch eine Verbindung zu jenen Menschen her, die ich zurücklassen muss?“

„Auf der Flucht“

Die Sonderausstellung „Auf der Flucht – 25 Objekte erzählen“ ist vom 2. März 2024 bis 2. Februar 2025 im Haus der Geschichte in Sankt Pölten zu sehen.

Ausgestellt ist auch der handschriftliche, mit Bleistift geschriebene Entwurf eines Lebenslaufs von Zahir aus Somalia. Als zwei seiner besten Freunde ermordet wurden, beschloss der junge Mann, aus dem bürgerkriegsgeplagten Land zu fliehen. Zu sehen ist auch das schwarze Hochzeitskleid einer Frau, die aufgrund der Vertreibung durch die Benes-Dekrete in Niederösterreich Fuß fasste. Die 51-Jährige musste wie 110.000 andere die Tschechoslowakei in Richtung Österreich verlassen.

Ein Land mit langer Grenze und Migrationsgeschichte

„Ostösterreich weist eine lange Migrationsgeschichte auf. Zwischen Flucht und Migration gibt es viele Schattierungen. Es gibt kaum eine Familie in Österreich, die nicht irgendeine Fluchtgeschichte in der Verwandtschaft zu verzeichnen hat“, erklärte Christian Rapp beim Rundgang durch die Ausstellung.

„Es gibt eine These, wonach allein in der Stadt Wien vielleicht sechs oder sieben Familien von sich behaupten können, seit dem 16. Jahrhundert in Wien ansässig zu sein. Viele Städte und Landstriche in Ostösterreich sind Regionen, die von Zuwanderung gelebt haben. Aber die auch in vielen Jahrhunderten von Abwanderung geprägt waren“, ergänzte der Historiker.

Ausstellung Überblick
Franz Weingartner
Die angelehnten Tafeln und die Pressspanplatten sollen darstellen, dass bei einer Flucht „immer alles improvisiert ist“

Ausstellungsgestaltung vermittelt bewusst ein Provisorium

Die Ausstellung ist absichtlich mit Pressspanplatten gestaltet, viele Hinweistafeln sind nur angelehnt. „Hier haben wir uns im Design der Schau ganz bewusst dem Thema Flucht ästhetisch angenähert. Weil bei einer Flucht immer alles improvisiert ist und vorläufigen Charakter hat“, erklärte Kuratorin Andrea Thuile vom Haus der Geschichte.

Eine Vitrine ist bewusst leer gehalten. Sie ist all jenen Personen gewidmet, die ihre Flucht nicht überlebt haben. Eine genaue Zahl gibt es nicht, es kann aber vermutet werden, dass es jedes Jahr Tausende Menschen sind, die auf der Flucht sterben. „Ob Menschen ihre Flucht überleben, hängt oft davon ab, wie streng das Grenzregime ist. Je strenger dies erfolgt, umso mehr sind Menschen gezwungen, immer gefährlichere Fluchtrouten zu wählen“, sagte Andrea Thuile.

Eine braune Lederaktentasche aus der Flucht nach der Niederschlagung des Ungarn-Aufstandes, eine himmelblaue Babydecke einer jungen Mutter aus Charkiw, die am ersten Tag des Angriffs Russlands auf die Ukraine am 24. Februar fliehen musste, sind bedrückende, aber auch stimmige Symbole einer Reise in ein neues Leben.