Hinweise auf Missstände: Jugendheime geräumt

Völlig überraschend sind am Mittwoch drei Jugendwohnheime der Therapeutischen Gemeinschaften geräumt worden. Im Vorjahr waren angebliche Missstände bekanntgeworden. Daraufhin wurde eine Sonderkommission eingerichtet.

Betroffen waren Standorte in Jaidhof (Bezirk Krems), Ebenfurth (Bezirk Wiener Neustadt) und Sitzendorf an der Schmida (Bezirk Hollabrunn). Dort sind laut den Therapeutischen Gemeinschaften in der Früh Mitarbeiter des Landes Niederösterreich unangekündigt erschienen. Fast 20 Bewohner wurden in anderen Einrichtungen untergebracht. Laut den Therapeutischen Gemeinschaften sind exakt 16 Kinder und Jugendliche betroffen. Ein Bewohner soll sich aus dem Staub gemacht haben.

Hinweise durch Sonderkommission als Anlass

Die Vorwürfe, um die es geht, waren im Dezember 2017 bekanntgeworden. Jugendliche und ehemalige Mitarbeiter der Einrichtungen berichteten öffentlich von Erniedrigungen durch Betreuer, und auch die Polizei habe regelmäßig ausrücken müssen, hieß es damals. Außerdem soll es zu Suizidversuchen und Sexualdelikten gekommen sein - mehr dazu in Jugendheim: Streit um Misshandlungsvorwürfe (noe.ORF.at; 4.2.2017) und Weitere Vorwürfe gegen Jugendheim (noe.ORF.at; 9.12.2017). Zur Klärung der angeblichen Missstände richtete das Land Niederösterreich schließlich eine Sonderkommission ein.

„Aufgrund erster Hinweise durch die Arbeit der Sonderkommission werden derzeit notwendige Schritte gesetzt und weitere eingeleitet“, hieß es am Mittwoch aus dem Büro des zuständigen Landesrates Franz Schnabl (SPÖ). „Unsere ganze Aufmerksamkeit gilt dabei dem Kindeswohl. Im Sinne der Kinder und Jugendlichen darf ich Sie um Verständnis ersuchen, dass die gesetzten Maßnahmen im Vorfeld nicht öffentlich kommuniziert und kommentiert werden können.“ Näheres soll am Donnerstag bekanntgegeben werden - für Donnerstagvormittag wurde ein Pressestatement von Schnabl und Kommissionsleiterin Simone Metz in St. Pölten angekündigt.

Kritik an Vorgangsweise der Behörden

Die Therapeutischen Gemeinschaften übten scharfe Kritik an der Vorgangsweise. „Wir haben mit der Sonderkommission monatelang sehr kooperativ zusammengearbeitet“, wurde vonseiten der Therapeutischen Gemeinschaften betont. Bis zur Stunde habe man den Endbericht der Sonderkommission nicht gesehen. „Wir sind erschüttert darüber, wie hier Kinder und Jugendliche von heute auf morgen ohne klare Begründung aus ihrem vertrauten Wohnumfeld gerissen werden“, hieß es von der Einrichtung.

Im dem Bescheid, mit dem am Mittwoch etwa die Kinder in Ebenfurth abgeholt wurden, ist von psychischer und physischer Gewalt sowie von unzulässiger Bedarfsmedikation ohne ärztliche Versorgung die Rede. Es bestehe unmittelbarer Handlungsbedarf, heißt es.

Darauf angesprochen spricht Hermann Radler, der Geschäftsführer der Therapeutischen Gemeinschaften, von alten Vorwürfen, die mehrfach überprüft und eingestellt worden seien. Außerdem verabreiche man den Kindern nicht einmal Aspirin ohne ärztliche Versorgung, sagt er im Gespräch mit noe.ORF.at. Die Tatsache, dass die Kinder völlig überraschend aus ihrem gewohnten Umfeld gerissen wurden, bezeichnet er als „schlimmste professionelle Tat“, die er jemals erleben habe müssen.

Sonderkommission ermittelt seit Dezember

Die Sonderkommission hatte in den vergangenen Monaten die Einrichtungen besucht, führte Gespräche unter anderem mit den vormals und derzeit betreuten Minderjährigen sowie den ehemaligen und aktuell beschäftigten Mitarbeitern und sichtete Unterlagen. Bei den Erhebungen soll laut Medienberichten unter anderem festgestellt worden sein, dass Minderjährige physischer und psychischer Gewalt ausgesetzt worden seien.

Die Klubobfrau der niederösterreichischen Grünen, Helga Krismer, hatte in Zusammenhang mit den Vorwürfen gegen Einrichtungen eine Sachverhaltsdarstellung bei der Staatsanwaltschaft und parlamentarische Anfragen eingebracht. Die Grünen fühlen sich nun „mit ihrer Kritik bestätigt“, hieß es in einer Aussendung zur Schließung von drei Einrichtungen.

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