Haus der Geschichte baut Brücken ins Jetzt

Das erste Haus der Geschichte Österreichs im Museum Niederösterreich in St. Pölten wird Samstagnachmittag mit einem feierlichen Festakt eröffnet. Ab Sonntag ist das neue Museum dann für Besucher zugänglich.

Das neue Haus der Geschichte versteht sich als „offenes Forum, in dem einander Wissenschaft und Öffentlichkeit begegnen“, heißt es in einer Aussendung des Museums. Es zeigt ab Sonntag einen Streifzug durch 40.000 Jahre Menschheitsgeschichte, mit einem Schwerpunkt der sich auf die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts konzentriert und baut zugleich Brücken zur Gegenwart.

Über 2.000 Objekte sind auf 3.000 Quadratmetern Ausstellungsfläche zu sehen. Zu den Highlights zählen der Dienstwagen von Leopold Figl (1902-1965). Er war erster Kanzler nach 1945, Außenminister und Landeshauptmann von Niederösterreich. Zu sehen ist zudem das einzige vollständige Faksimile des Staatsvertrages - mehr dazu in Staatsvertragsreplik für Haus der Geschichte (noe.ORF.at; 8.8.2017).

Neben einer Dauerausstellung, die den Bogen von den ersten Siedlungen über die Kaiserzeit bis in die Gegenwart spannt, wird anlässlich des Jubiläumsjahres 2018 die Schwerpunktschau „Die umkämpfte Republik - Österreich 1918-1938“ bis 24. März 2019 gezeigt. Die Dauerausstellung ist nicht chronologisch, sondern nach Themen, sogenannten „Clustern“ gegliedert. Das sind thematische Längsschnitte und bilden einzelne Raumbereiche, die die Ausstellung strukturieren sollen.

Rundgang durch das Haus der Geschichte

Wie ein Erlebnis-Parcours gestaltet sich der Rundgang. Das Museum ist thematisch und nicht chronologisch strukturiert

Wachturm erstreckt sich über zwei Etagen

Zu den Schwerpunktthemen des Hauses der Geschichte zählen unter anderem die Entstehung einer Diktatur, Religion oder auch das Thema Flucht. Wichtige Fragen, wie etwa technische Erfindungen in den letzten Jahrhunderten die Gesellschaft verändert haben und warum das Ein- und Auswandern kein Phänomen der Gegenwart ist, werden in den elf Clustern abgehandelt.

Dabei werden immer wieder Brücken zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart geschlagen. So steht etwa ein Kinderwagen vom „Brünner Todesmarsch“ 1945 neben einem, den syrische Flüchtlinge 2015 im burgenländischen Nickelsdorf bei sich hatten.

Zu den Highlights der Dauerausstellung zählt auch ein zehn Meter hoher Wachturm aus der Zeit des Eisernen Vorhanges, er erstreckt sich über zwei Etagen. Gleich daneben erzählt ein an der Decke befestigter Hängegleiter die Geschichte des Tschechen Jiri Rada, der damit 1988 nach Niederösterreich flüchtete.

Foren bieten Möglichkeiten zur Diskussion

Mit Figuren und interaktiven Stationen können Besucher zum Thema Macht die Bedeutung der Stände nachvollziehen. Zu sehen sind auch der Bonjour-Rock von Kaiser Franz Joseph I. und ein Picknickset von Kronprinz Rudolph, die aus der vom Land angekauften Habsburg-Sammlung des Gastronomen Mario Plachutta stammen.

Ebenfalls ausgestellt wird das Modell eines Kinder-Klappsarges - derartige wiederverwendbare Särge wurden unter Kaiser Joseph II. jedoch aufgrund von Protesten nur kurze Zeit eingesetzt. Das Thema „Im Gleichschritt - ausgelöscht“ widmet sich dem Nationalsozialismus. Ein Schachbrett aus dem Besitz von Karl Renner (1870-1950) steht beispielsweise für den Hausarrest des sozialdemokratischen Politikers in Gloggnitz (Bezirk Neunkirchen).

Unter dem Motto „Geschichtsforschung am Puls der Zeit“ sind beispielsweise auch vor kurzem entdeckte Objekte wie der Wiener Neustädter Schatz aus dem 13./14. Jahrhundert oder eine Luther-Bibel aus 1545 Teil der Ausstellung. Vier Foren geben Besuchern Raum für Diskussion und sollen zum Nachdenken anregen - darunter ein „Parlament“ mit Videoaufnahmen aus dem Hohen Haus samt Rednerpult und Wahlkabinen.

Drei Millionen Euro für Haus der Geschichte

Die meisten Exponate stammen aus den Landessammlungen Niederösterreich, dazu kommen Objekte von regionalen, lokalen, nationalen und internationalen Leihgebern. Für die Schwerpunktausstellung wurde eine eigene Sammelaktion ins Leben gerufen. Rund 4.000 Gegenstände kamen dabei zusammen, 200 davon werden nun in der Ausstellung präsentiert.

So ist etwa ein Puppenofen aus Privatbesitz, mit dem in der Zwischenkriegszeit Tee gekocht wurde, zu sehen. Damit werden neben der politischen Lage auch die wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse anschaulich dargestellt. Gezeigt wird auch - als Teil einer Installation mit Zitaten - das umstrittene Porträt von Engelbert Dollfuß aus dem Parlamentsklub der Volkspartei, das als Leihgabe nach St. Pölten übersiedelt ist.

Das Museum im Regierungsviertel der Landeshauptstadt beherbergte zuvor einen Kunstbereich, der in die in Bau befindliche Landesgalerie Niederösterreich in Krems übersiedelt. Die konzeptionelle Arbeit des Fachbeirats für das Haus der Geschichte unter dem wissenschaftlichen Leiter Stefan Karner begann 2014.

Im Vorjahr wurde das Landesmuseum in Museum Niederösterreich umbenannt, seit August 2016 wurde das von Architekt Hans Hollein geplante Gebäude umgestaltet und ist nun barrierefrei. Für die Ausstellungsarchitektur und -umgestaltung wurden 2,5 Millionen Euro verwendet, für den Umbau und die Barrierefreiheit eine halbe Million Euro.

100.000 Besucherinnen und Besucher sollen pro Jahr in das neue Museum kommen. Weiterhin besucht werden kann auch das Haus der Natur im Museum Niederösterreich, der Eintritt ist im Ticketpreis inkludiert. Das Museum wurde im Sinne einer „Exhibition in Progress“ gebaut, so dass laufend neue Forschungsergebnisse und aktuelle Ereignisse in den Betrieb integriert werden können.

Deutscher Historiker Blom referiert bei Eröffnung

Am frühen Nachmittag beginnt am Samstag der offizielle Festakt zur Eröffnung. Bevor es einen ersten Rundgang geben wird, finden zunächst im Festspielhaus in St. Pölten Feierlichkeiten statt. Neben den Festreden von Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner (ÖVP) und jener des wissenschaftlichen Leiters Stefan Karner wird auch der renommierte deutsche Historiker Philip Blom referieren.

Musikalisch wird das Fest von den Tonkünstlern Niederösterreich untermalt werden. Knapp 2.000 Gäste werden für Samstag erwartet. Auch das Medieninteresse ist groß. Bereits im Vorfeld waren über 60 Journalisten, zum Teil auch aus dem Ausland, vor Ort, um über das Haus der Geschichte zu berichten.

Martina Gerlitz, noe.ORF.at

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